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01 Oktober 2020

Das Wissen ist unsere Rettung

Raffaello, Die Schule von Athen

Ignoranz ist wie Petersilie – sie steckt in allem drin. Oder um es mit Platon zu sagen: Von allen wilden Tieren ist die Ignoranz am schwierigsten in den Griff zu bekommen. Wer neidisch ist, ist ignorant, weil er gegenüber der restlichen Welt eine Überheblichkeit an den Tag legt und weil er pflichtvergessen das eigene begrenzte Wissen verfälscht und reduziert, um Lügen zu verbreiten und auf der Basis dieser Lügen die eigene Macht zu konstruieren. Es gibt nichts schlimmeres als aktive Ignoranz. Wer ignorant ist, entwickelt sich nicht weiter, er akzeptiert auch Veränderungen nicht. Wie versteinert in seinen einseitigen Gedanken, ist er ein Gewohnheitstier, der nichts genauer wissen will, das niemandem zuhören will, der es vielleicht besser weiß, der Antworten schuldig bleibt. Er glaubt an die doxa, hört nicht hin und wenn, dann nur oberflächlich.

Die vielleicht wichtigste Wissenschaft überhaupt ist das Bewusstsein von sich selbst. Welches Leiden erzeugt. Leiden ist das Resultat von Ignoranz. Der Ignorant aber ignoriert das. Und fühlt sich nie verantwortlich.

Wie immer und mehr denn je zuvor brauchen wir eine Führungsschicht, die zuhören kann und die Antworten gibt. Dagegen stecken wir viel zu oft in der Hand einer weit verbreiteten Ahnungslosigkeit und obendrein mitten in einer kranken Weltwirtschaft. Offenbar gibt es nicht genügend Visionäre, die in der Lage wären, diese vom Absturz bedrohte Welt zu retten. Jahre lang, viel zu lang, haben wir panisch das Problem des Klimawandels geleugnet oder die immer stärkere Bedrohung der Artenvielfalt.

Jetzt können wir nicht einfach behaupten, es sei zu schwierig oder zu teuer, dieses Riesenproblem zu lösen, indem wir uns auf die vermeintliche Bedrohung unserer Freiheit berufen, das Haus, in dem wir zu leben, zu verbrauchen, zu verunstalten, anzuzünden und zu zerstören: Madre Terra. Und hier kommt die grenzenlose Verbreitung der Dummheit ins Spiel.

Die Floskeln der Populisten in aller Welt – zum Beispiel des chinesischen Regines – dienen nur dazu, die Massen zu mobilisieren und das Volk zu kommandieren, um seine Energie in Richtung einer weit verbreiteten Ahnungslosigkeit zu lenken. Ignoranz – was so viel bedeutet wie nicht zu wissen – heißt nicht zu begreifen, was vor sich geht. Wir merken nicht, dass der Souverän, der uns anführt, sich von einer vernetzten Welt bedroht fühlt, weshalb er Grenzen schließen lässt (auch die digitalen) und das Virus leugnet beziehungsweise versteckt und internationale Kooperationen verhindert, die das riesige Pandemie-Problem sehr viel leichter in Schach hätten halten können.

Ahnungslosigkeit ist ein Machtsystem, das auf den Beschränkungen kultureller Mechanismen beruht, die Möglichkeit zum Lernen verhindert und dadurch zur Homologisierung der Massen führt.

Die Populisten bleiben zwangsläufig selbstbezogen, aalen sich in Selbstgefälligkeit, lieben es, geliebt zu werden und wissen sich beliebt zu machen. Dadurch inszenieren sie eine Existenzkomödie, die sich durch Kurzsichtigkeit, Vulgarität und Gewalt auszeichnet, die kriegstreiberisch ist, arrogant, armselig und bestens dazu angetan, unsere Welt in die totale Katastrophe zu stürzen.

Wir hier versuchen, unseren Teil zu tun: Unternehmenskultur ist auch, täglich Antworten zu geben. Nie die hauseigenen Wertvorstellungen zu verraten. Nur das Wissen versetzt mich in die Lage, einem Mitarbeiter zuzuhören und die Fähigkeit zu haben, ihm eine Antwort zu geben. Oder Leute um sich zu haben, die kleine Alltagsprobleme lösen können. Wissen ist keine Frage von Meinungen, sondern von Wissenschaft. Meinungen verstärken die Ignoranz, wohingegen Wissenschaft Wissen schafft. Es reicht nicht, ein anständiger, freundlicher, disponibler Mensch zu sein: Wer sich in einer Kontrollposition befindet, darf dem Virus der Ignoranz keinen Raum lassen.

Wer Ignoranz vertickert, fühlt sich immer stärker und stärker legitimiert; er stärkt seine Verantwortungslosigkeit, in dem er die Ahnungslosigkeit der Menschen ausnutzt, die angesichts von Fragen, die ihnen nicht beantwortet werden, gewalttätig werden und ihrer eigene Verbittertheit an irgendwelchen anderen Menschen auslassen, ganz gleich wem.

Um nur die jüngsten italienischen Kriminalfälle aufzuzählen: Die Mörder von Willy. Die jungen Vergewaltiger von Pisticci. Die brandstiftenden Mafiosi aus Sizilien. Ist es Ihnen schon einmal aufgefallen? Wenn wir es mit einem „komplizierten“ Menschen zu tun haben, heißt es immer gleich: „Ja, der ist ja auch wirklich dumm.“ Denn wir sind davon überzeugt, immer Recht zu haben. Wir glauben, dass immer die anderen das Falsche tun. Aber damit machen wir es uns zu einfach. Der Dumme ist gefährlich, weil er zu allem fähig ist. Daher muss er geheilt werden. Es ist nicht besonders schwierig, als Chef der Dummen neue Dumme zu werben.

Schwierig ist es dagegen, eine Dummheit zu kurieren, die im Vergleich zum Wissen, das stets begrenzt ist, absolut grenzenlos wirkt.

Dazu braucht es den Dialog und viel Geduld. Gleichzeitig muss denen Platz und Gehör verschaffen, die gute Ideen haben. Was mich befremdet ist, dass es Menschen gibt, die auf ihr Nichtwissen stolz sind. Als ich jung war, gehörte ich selbst zu ihnen. Heute weiß ich wenigstens, wie wenig ich weiß. Aber ich weiß auch, dass es umso besser ist, je weniger ich nicht weiß. Und ich habe gelernt, dass man den Ignoranten nicht so sehr an der Arbeit erkennt, die er tut, sondern daran, wie er diese Arbeit tut.

Wer im Gastgewerbe arbeitet, kann sich nicht dem Gast gegenüber als buckelnder Untertan benehmen und vor den Mitarbeitern als Besserwisser auftreten. Ignorant ist, wer unhöflich ist; ignorant ist, wer eine Rolle einnimmt, in dem nicht zu wissen keine Option ist.

Was also tun? Am besten klassische Reha-Maßnahmen: den Freund ermahnen, aber sein Vergehen nicht ins Rampenlicht stellen. Und wenn er nicht hören will? Dann bloß nicht aufgeben. Das Ziel ist nicht, über ihn zu urteilen, sondern ihm zu helfen, hat unser Papst Franziskus gesagt.

Ich beschließe diese lange Predigt gegen die Ignoranz mit einer Platte der Clash. Die Jungs von The Clash wurden oft als ignorante Punks und Anarchisten abgetan. Keine Einschätzung könnte verkehrter sein: Die vier rebellischen und zügellosen Knaben waren gegen Gewalt und zutiefst antirassistisch eingestellt. Das Leben betrachten sie mit einer Mischung aus unbeteiligter Distanz und Lässigkeit und lebten es voller Ironie und Kreativität.

Und genau aus dieser Distanz und dem Wissen heraus entstand jenes Freiheitsgefühl, diese Leichtigkeit, die keiner leben kann, der in der Ignoranz feststeckt. Die aber bei The Clash in eine intensive Lebensfreude mündete.

Wenn das keine Weisheit ist! London, nein pardon, Land calling! Unsere Erde ruft!

Michil Costa