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Freitag
18 Oktober 2019

Unser Freund Jimmie

Wir haben Freunde, wirklich gute Freunde, die wir persönlich gar nicht kennen. Unbekannte Freunde gewissermaßen, die tiefe Spuren in unserem Herzen hinterlassen haben. Was übrigens vielleicht die höchste Bedeutung von Kunst ist. Kunst schafft spontane, augenblickliche Beziehungen, die ohne jegliche Verlegenheit höchste Gefühle erzeugen. Um Jimmie Durham kennenzulernen – den US-amerikanischen Künstler, Performer, Essayist und Lyriker indianischen Ursprungs, der seit langem in Bürgerrechtsbewegungen der Afroamerikaner und Uramerikaner aktiv ist – sind wir nach Venedig gefahren. Runter ans Meer, statt wie sonst bei uns üblich hoch auf die Berge. Jimmie hat heuer bei der Biennale den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhalten, und seine Einzelausstellung im Arsenale ist wirklich erstaunlich. Heute lebt der Künstler in Neapel – wie das Leben so spielt. Er selbst bezeichnet seine Art, Kunst zu produzieren, als „illegale Kombination aus abgelehnten Objekten“. Gern verbindet er Möbelteile mit glänzenden Industriematerialien und abgelegten Kleidungsstücken. Seine Skulpturen erinnern an nicht-menschliche Lebewesen, sind poetische Knäuel, die das traditionelle aufgeklärte Konzept der Trennung zwischen Mensch und Natur in Frage stellen. Durhams Kunst hat etwas Unerbittliches und gleichzeitig Atavistisches, das sich in den unwiderstehlichen Ruf der Wildnis auflöst. Wenn es in unseren Wäldern dunkel wird, dann können wir ihn manchmal vernehmen, diesen Ruf. Und die Dolomiten verwandeln sich auf einmal in grenzenlose Prärie.