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15 Mai 2020

Brüderlichkeit

Michil und Mathias

Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu! So wird in der Erklärung der Bürgerrechte und -pflichten das Wort Brüderlichkeit definiert, das dritte im Wahlspruch der Französischen Revolution. Oft heißt es, dass die ersten beiden Prinzipien – Freiheit und Gleichheit – untereinander nicht kompatibel seien, und um aus der Sackgasse herauszufinden, wurde ein drittes Prinzip ergänzt, das der Brüderlichkeit. Das mag stimmen, aber wir wollen festhalten, dass Friedrich Schiller bereits vier Jahre vor dem Sturm auf die Bastille hoffnungsvoll „Alle Menschen werden Brüder“ dichtete, die berühmten Zeilen, die später in die „Ode an die Freude“ in Beethovens Neunter Symphonie übernommen wurde, welche ihrerseits zur Hymne Europas wurde. Heute würde man Schiller vermutlich als Gutmenschen abtun, als Schöne Seele. Er war es ja auch, der über die Idee der Schönen Seele schrieb und sich dabei auf die alten Griechen und ihr Prinzip der Kalokagathia bezog, des Schönen und Guten (kalòs kai agathòs). Kein Wunder in Zeiten, in denen Theoretiker des „Bevölkerungsaustauschs“ das christliche Motto des „Liebe deinen Nächsten“für einen gefährlichen kommunistischen Slogan halten, für schlimmer noch als „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ (was letztlich auch nur Ausdruck der Idee ist, dass wir alle Brüder sind.) Um konkret zu werden: Das Wort Brüderlichkeit – oder als Folge des Feminismus auch Schwesterlichkeit – will uns eines sagen: Wir sind alle eine Familie, selbst wenn die besten Familie dysfunktional sind. Der Andere ist also der Spiegel unser selbst. Weshalb wir ihn manchmal beneiden, manchmal hassen. Doch letztendlich hilft man über die Solidarität mit dem Nächsten vor allem sich selbst. Wie Hillel der Ältere sagte, der Begründer der hebräischen Ethik, auf den sich die Evangelisten berufen: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich? Und wenn ich nur für mich bin, was bin ich dann?“

Wlodek Goldkorn, aus Polen stammender Schriftsteller und Journalist