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03 Juli 2020

Die Stüa de Michil: fein ausbalanciert

Wenn Essen so gut ist, dann muss das irgendwie erklärt werden. Gerichte, die man stets auf genau dieselbe Art zubereitet, werden zwar perfekt und makellos, doch mit der Zeit dürfte das zu einem Problem führen. Denn mechanischer Perfektionismus löscht jede persönliche Handschrift aus. Doch diese Gefahr droht nicht in der Stüa de Michil, über der seit Jahren ein Michelin-Stern leuchtet. Was die Küchenbrigade rund um Nicola Laera dort kreiert, sind Gerichte, die immer wieder neu überraschen, weil sie das Ergebnis unersättlicher Neugier sind, die immer noch Raum für Unvorhergesehenes lässt. Die Sonne, die Wolken, der Regen und der Wind sind hier Zutaten, die sich in jedem Gericht wiederfinden. Das Gute auf dem Teller wird – wie das Schöne in der Kunst – etwas, das erreichbar ist und das sich in etwas verwandelt, das erklärt werden kann. Bei dem der Gast einen Bissen nimmt und denkt: Dieses Gericht könnte auch anders schmecken, aber heute habe ich es so bekommen. Eine Blume, ein frisches Gemüse der Saison, ausgewählte Zutaten unserer Region, Produkte aus fairem Handel, Lebensmittel aus biologischem Anbau – all das verbindet sich mit der Stimmung des Küchenchefs, seiner Inspiration an diesem spezifischen Tag, den Gefühlen der Mitarbeiter in der Küche, die dort täglich mit Leidenschaft bei der Arbeit sind. Nicola ist ein Küchenchef, der sich von einem Lichtreflex inspirieren lässt, vom Schattenspiel auf einem Dolomitenfels, von einem Geruch, der auf einmal in der Luft liegt, von einer Erinnerung, die tief irgendwo in seiner ladinischen und apulischen Identität wurzelt. Ganz Italien liegt bei ihm auf dem Teller. Seine Küche ist das Ergebnis eines Flows, der zu immer neuen Visionen und Emotionen führen kann. Da ringelt sich zum Beispiel eine Sardelle zwischen all den Traditionsgerichten. Wie ein Halm aus einem Heuhaufen spielt sie in den Dolomitenwiesen. Eine Latschenkiefer winkt ihr zu. Sie grüßt lächelnd zurück. Und dann wird es Abend, und über der Stüa de Michil beginnt, wie jeden Abend, der Michelin-Stern zu leuchten. Als wäre er frisch poliert.

Elisa, Maître in der Stüa de Michil