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Sonntag
07 Juni 2020

Trinken wir sie kalt

Die Freundschaft über größere Entfernungen lebt von Erinnerungen und Emotionen, die sich jederzeit entkorken lassen. Man muss es nur wollen. Unser Freund, der große piemontesische Winzer Angelo Gaja, hat uns einen ganz besonderen Wein geschickt. Es ist ein Wein, der ausnahmsweise nicht aus Trauben, sondern aus Worten gekeltert wurde, der nach Bergen und Kindheit duftet und der uns einen Ratschlag mit auf den Weg gibt. Den wir gerne akzeptieren. Denn Angelo ist ein wirklich guter Freund.

Die Berge und die Kindheit
Die Berge meiner Knabentage waren die des Val Susa im Piemont. In Salbertrand stand das Geburtshaus meiner Großmutter Clotilde. Salbertrand ist ein kleines Bergdorf in 1.100 Metern Höhe, es liegt über dem linken Talufer der Dora Riparia, und es ist dort immer ziemlich windig. Die Sonne klettert erst später über den Berg und geht bald wieder unter. Salbertrand ist ein Durchgangsort, in dem nur wenige Menschen länger verweilen, und wirklich kein Edel-Urlaubsort. Doch für mich war er es und ist es immer noch. Eine Frage der Liebe.

Die Berge und der Vater
In Salbertrand ist es, als begegnete ich meinem Vater wieder, denn er hatte diesen Ort im Blut und im Herzen. Von ihm lernte ich, dass Salbertrand Wunder wirkt: Die Luft hier war besser, das Wasser aus dem Brunnen unvergleichlich frisch und obendrein kostenlos, die Milch sahnig und duftend, die Bergkartoffeln von einer Güte, von der wir unten im Tal nur träumten, und dann das Roggenbrot der guten, alten Zeit...

Die Berge und der Wein
Um nicht erst vom Wein zu sprechen, der in dieser Höhe an Trinkbarkeit und Gefälligkeit gewann. Es stimmte alles, und es dauerte nicht lange, bis ich selbst überzeugt war. Ich habe mich oft gefragt, wie es sein konnte, dass der Wein sich in Salbertrand so viel besser ausdrückte als in den niedrigeren Hügelregionen von Barbaresco, wo ich lebte. Ich versuchte, es einfach zu akzeptieren. Wenn wir als Kinder zwei Monate lange Sommerferien in dem Haus in den Bergen verbrachten, in dem einst die Großmutter gelebt hatte, trugen wir stets einen Pullover, denn es war kalt und es gab keine Heizung. Gekocht wurde mit Gasflaschen. Der Wein, der auf den Tisch kam, war immer mindestens fünf oder sechs Grad kälter als der, den wir zuhause in Barbaresco tranken. Auch wenn wir erholsame Bergwanderungen unternahmen und uns dann zur Rast hinsetzten: Aus den Flaschen im Rucksack sprudelte dann ein wunderbar kühler Wein, den man am liebsten direkt aus der Flasche getrunken hätte. In höheren Höhen verfeinern sich die Geschmacks- und Geruchsnerven, das stimmt. Aber dass der Wein so viel besser schmeckte, dafür war ganz entscheidend seine niedrige Temperatur verantwortlich.

Die Berge und was ich mir wünsche
Deshalb wünsche ich mir dieses zum Abschluss: Dass wir lernen, Rotweine nicht durch zu hohe Serviertemperaturen umzubringen, sondern sie kalt zu trinken. Sie werden uns noch besser schmecken.