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01 Februar 2020

Sterne gibt es viele

Morgennebel wabert über den Boden, und ein kalter, unaufhörlicher Nieselregen lässt die Glieder erstarren. Es ist einer dieser grauen, melancholischen Novembertage, an denen zwischen dem Ladinia und dem La Perla kein Mensch unterwegs ist und man sich am liebsten zu Hause einigeln, den Kamin einheizen und sich mit einem guten Buch und einer warmen Wolldecke aufs Sofa zurückziehen würde, in der Hoffnung, dass es bald zu schneien anfangen möge. Absolute Ruhe und Stille müssten herrschen an einem solchen Zen-Tag, doch stattdessen ist alles in Bewegung und im Hause herrscht ein Rummel wie zur absoluten Hochsaison. Ständig gehen Leute zur Hoteltür raus und rein, tragen kalte Luftzüge mit hinein, und Mathias sitzt keineswegs gemütlich vor dem Kaminfeuer, sondern trägt einen Blaumann mit Taschenlampen und Kneifzangen und hat alle Hände voll zu tun. Als unermüdliches Arbeitstier ist er voll beschäftigt, weist Leute ein, schickt sie hierhin und dorthin im Haus, ordnet an, organisiert.

Draußen leuchten die Lärchen am Fuße des Sassonghers feuerrot aus den Nebelschwaden heraus und kontrastieren aufs schönste mit ihren goldgelben Genossen hier am Col Alto. Die Dolomiten in dieser Jahreszeit sind einfach ein Traum, doch die Männer hier im Hause haben keine Zeit für die Kontemplation der Natur. Nicht die Schönheit ihrer Umgebung ist der Grund für ihre Betriebsamkeit. Sie sind vielmehr damit beschäftigt, Badezimmer herauszureißen, Decken einzuziehen, neue Hotelzimmer mit alten Südtiroler Stuben einzurichten. Und genau an diesem Tag in dieser absoluten Sauregurkenzeit, in der in Alta Badia praktisch verschlossen und verriegelt ist und man kaum irgendwo einen Kaffee bekommt, ausgerechnet an diesem Tag, an dem alte Waschbecken auf Lastwagen gehievt und gleichzeitig die von unserer Mutter liebevoll ausgesuchten neuen Sessel abgeladen werden, fährt ein gepflegter Wagen vor dem Hotel vor.
Zwei ebenso gepflegte Herren steigen aus und betreten gemessenen Schrittes das Hotel.

Wollen sie ein Zimmer reservieren?

Die Sicherheitsvorkehrungen im Hause überprüfen? Nichts dergleichen, dafür zücken sie Pistolen. Pistolen! Aber was gibt es in einem geschlossenen Hotel mitten im November schon zu rauben? Doch dann klärt sich alles auf. Es handelt sich bei den Herren nicht etwa um Gangster, sondern um Inspektoren. Um unbestechliche Richter mit einer klaren Aufgabe: Sie müssen überprüfen, ob das La Perla den Test besteht. Welchen Test? Nun, dazu will ich erst einmal auflisten, was diese beiden Herren alles NICHT interessiert. Sie interessieren sich weder für das herzliche Lächeln von Rezeptionistinnen, noch für Arthurs zupackenden Einsatz beim Transport von Koffern aufs Zimmer und auch nicht für die Qualität der Gerichte, die bei uns aus der Küche kommen oder der Martinis, die unsere Barkeeper perfekt zuzubereiten wissen. Auch auf die Unternehmenstransparenz und unser besonders aufmerksames Teammanagement pfeifen sie. Die Philosophie, die uns bei all unseren unternehmerischen Handlungen leitet, die sogenannte Gemeinwohlökonomie, ist für sie eine unbekannte Sprache. Dafür steigen die beiden pflichtgetreuen Inspektoren jetzt in den ersten Stock hoch. Sie lassen sich Zimmertüren aufsperren, zücken ihre Pistolen und zielen damit in den Raum. Es sind Laserpistolen, mit denen die Quadratmeterzahl ganz genau bestimmt werden kann. Die Herren sind für die Vergabe von Hotelsternen zuständig.

An dieser Stelle müssen wir einen Sprung in die Vergangenheit machen. Vor ein paar Jahren fragten wir beim zuständigen Amt für Hotel-Himmelszelte nach, ob man uns nicht von vier auf drei Sterne zurückstufen könne, weil wir uns in Sachen Gastlichkeit nicht für gut genug hielten. Denn solange unsere hart arbeitenden Köche im Stehen essen müssen, solange parkende Autos vor dem Hotel herumstehen, solange wir keinen Fitnessraum mit Sassongher-Blick haben, solange wir unseren unermüdlichen Zimmermädchen keine Einzelzimmer bieten können, in denen sie sich in ihrer freien Zeit ausruhen können, solange unsere Auszubildenden keinen Freizeitraum haben, in dem sie auf bequemen Sofas Fußball gucken können, solange nicht wirklich jeder einzelne Cocktail in absoluter Perfektion gemixt wird, solange wir schwer zu vermittelnden Mitarbeitern keine gute Ausbildung, Führung und Zukunftsperspektiven geben können, solange die Dolomitenpässe für den privaten Autoverkehr geöffnet bleiben – solange sind wir einfach nicht gut genug.

Unsere Anfrage war legitim.

Vier Sterne sind wirklich viele, und für unsere Hauptaktivität wären drei Sterne angemessener. Doch unsere Bitte wurde abgewiesen. Wir baten deshalb darum, uns der Sternebewertung komplett entziehen zu dürfen, aber... no! Das geht nicht! Wir ließen es also erst einmal sein. Führten im Hause ein paar Verbesserungen ein, die neue Küche zum Beispiel ist wirklich spektakulär. Es gibt auch Gäste, die meinen, ein zweiter Michelin-Stern stünde der Stüa de Michil inzwischen gut zu Gesicht. Und auch wir selbst fragen uns immer wieder, wie das mit den Hotel-Sternen eigentlich so läuft. So viele Hotels haben so viele Sterne – ob die wohl alle gerechtfertigt sind? Und so baten auch wir schließlich um eine Neueinschätzung. Sie war der Grund für den Besuch der zwei Sheriffs mit dem Stern auf der Brust.

Wie die Geschichte ausging? Was an diesem nebligen Tag noch passierte, zwischen grauem Wetter und Nieselregen, fluchenden Arbeitern und meinem Bruder, der die beiden Herren mit Taschenlampe und Hammer bewaffnet in den ersten Stock begleitete? Nun, letztlich haben die gezückten Laserpistolen dazu geführt, dass auch wir seit diesem Jahr ein Fünf-Sterne-Hotel sind. Sterne gibt es viele, wissen wir aus einer bekannten italienischen Fernsehwerbung... viele, viele Millionen. Und so ertappe ich mich dabei, wie ich über die schönen Verse unseres großen Dichters Giacomo Leopardi nachdenke, die er im „Nachtgesang eines wandernden Hirten in Asien“ schrieb:

Und wenn ich die Herde treibe sacht voran,
und seh’ die Stern erglänzen dicht und dichter, frag ich mich in Gedanken: wozu so viele Lichter?

michil costa