Die Faszination dieses Hauses
liegt weniger in dem was es bietet,
sondern in dem,
worauf es verzichtet.

This is not a cliché.

April 2014

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Ein Ladinisches Osterfest

Für uns Ladiner ist Ostern ein wichtiges Fest, das traditionell eine Woche dauert. Aber in Ortisei, im Grödnertal, beginnt es sehr viel früher, und zwar im Oktober mit Sankt Jakob. Die jungen Männer schenken den Mädchen eine Birne, und wenn im März Sankt Josef kommt, das heißt der 19., kehren sie zu den Mädchen zurück, denen sie die Birne gebracht hatten, um Ostereier zu bestellen. Einst war der Rhythmus des Lebens durch die Jahreszeiten und die entsprechenden Früchte vorgegeben. Deshalb bringen die Jungen Birnen, denn sie werden im Oktober geerntet.
„Religion und Tradition: Ein Wortpaar, das für Kultur und Respekt steht, für Erinnerung und Identität.“
Die Frauen kochen die Eier und bemalen sie kunstvoll. Sie versammeln sich in einem Haus und mischen die Farben auf einer Palette an. Und plaudernd malen sie Blumen, ritzen Daten und Glückwünsche in die Farben. Rot, Blau, Weiß, grün: die Eier werden zu wahren kleinen Kunstwerken, manchmal in einen sorgsam bestickten, weißen Stoff gehüllt und in Körbchen gelegt. Ostermontag holen die Jungen die Eier bei den Mädchen ab. Kommt ein Junge nicht, so vergräbt das Mädchen die Eier irgendwo, um keine alte Jungfer zu werden. Gelegentlich kommt ein Junge zum Scherz nicht, sondern wartet ab, bis das Mädchen die Eier vergräbt. Aber dann präsentiert er sich sofort, um die Eier in Empfang zu nehmen.
Die Osterwoche ist lang und ereignisreich. Außer den Eiern bereiten die Frauen traditionelle Speisen vor, darunter die Fuiaccia, ein süßes Brot mit Rosinen. Des Weiteren ist in Kräutern gekochter Schinken typisch für Ostern. Brot und Aufschnitt werden gemeinsam mit den Eiern in bestickten, weißen Stoff gehüllt, der als Bündel dient, und zur Segnung neben den Altar gelegt. Die Männer reparieren und bereiten seltsame Musikinstrumente aus Holz vor, die vor der Kirche gespielt werden. Am Ostersonntag findet nach der Messe der rituelle Eierkampf statt. Aber nein, wir bewerfen uns nicht damit: es wird lediglich das als härtestes vermutete Ei aus dem Korb genommen und in einer Hand mit dem spitzen Ende nach oben gerichtet gut festgehalten. Nun beginnt der Kampf. Die Gegner stehen sich gegenüber und schlagen gegenseitig die Spitzen der Eier gegeneinander. Der, dessen Ei als erstes einen Riss aufweist, hat verloren und muss seinen ganzen Korb an den Sieger abtreten. Früher, als das Essen knapp war, war der Kampf natürlich spannender. Heute dient er nur dazu, uns an unsere Traditionen zu erinnern. Denn auch aus kleinen Dingen entsteht nicht nur eine Identität, sondern vielmehr eine Art der Geselligkeit. Ich erinnere mich noch daran, wie meine Mutter mir erzählte, dass die Schokoladeneier von einem Kaninchen gebracht und im Garten versteckt wurden. Und es ist schön, es noch einmal zu glauben, noch einen Augenblick lang. Frohe Ostern!

Manuel Dellago