This is not a cliché.

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Montag,
29 April 2019

Nicht so gern den höchsten Gipfel

Um die Architektur der Berge in ihrer Gesamtheit begreifen zu können, muss man sie studieren, sie in allen Richtungen erwandern, auf jede Wand klettern, noch die kleinste Schlucht erkunden. Für den, der sie wirklich in ihrem Innersten kennenlernen will, ist es ein endloses Unterfangen, wie jede andere Sache auch.
Der Gipfel, auf dem ich immer am liebsten saß, war nie der souveräne Obergipfel, auf dem man sich fühlte wie ein König auf seinem Thron, der das Reich zu seinen Füßen betrachtete. Nein, ich war immer glücklich auf den niedrigeren Nebengipfeln, von denen der Blick einerseits auf die Welt unter mir gleiten, dann aber auch, Grat nach Grat, die höheren Wände hochklettern konnte, bis zum Hauptgipfel vor dem strahlendblauen Himmel.
Denn dort, wo mich nichts zu jenem Stolz drängte, den ich natürlich empfunden hätte, wäre ich auf den höchsten Punkt des Berges gestiegen, konnte ich voll und ganz den Genuss der Schönheit auskosten, den Schnee, Felsen, Wälder und Wiesen meinem Blick präsentierten. Ich befand mich etwa auf halber Höhe zwischen zwei Welten, der Himmel und der Erde, und ich war frei, ohne isoliert zu sein. An keinem anderen Ort bewegten süßere Gefühle mein Herz.

Diese Worte schrieb Élisée Reclus, anarchistischer Geograph und unermüdlich Reisender sowie Autor zahlreicher Werke, darunter der berühmten Nouvelle Géographie Universelle. Diese Berichte sind in einem wunderschönen Buch mit dem Namen Storia di una montagna zu finden, in Italien vom sympathischen Tararà-Verlag herausgegeben. Ein Buch, das in keiner Bibliothek, die sich auch mit Bergen beschäftigt, fehlen, darf.