This is not a cliché.

Raus aus der Pandemie, rein ins Pandämonium?

Wir brauchen ein neues Gleichgewicht. Und wir brauchen es in der Realität, nicht nur als frommen Wunsch. Im August 2020 waren die Dolomiten Bühne eines völlig außer Kontrolle geratenen Touristenansturms. So geht es nicht weiter. Wir müssen uns als Touristen ändern. Müssen bewusster, verantwortungsvoller, weitblickender werden. Klar, wir brauchen Impfungen, um aus der Pandemie herauszukommen. Aber auch in unserem Verhalten ist ein Kurswechsel dringend angesagt, wenn wir nicht wollen, dass unser Sommerurlaub Chaos wird und die Dolomiten das Pandämonium der Menschheit.

GELIEBTE DOLOMITEN, WO SEID IHR GEBLIEBEN?

Die Dolomiten sind ein Traum. Den ganzen, langen Sommer lang. Warum also sollte man sich ausgerechnet im August hier zusammendrängen, wenn auf den Passstraßen Stau herrscht, sich die Menschen in den Bergbahnen zusammenquetschen und das Röhren tausender Autos und Motorräder noch lauter und hässlicher als sonst zwischen den Felswänden widerhallt? Daher, liebe Radfahrer, kommt bitte nicht im August. Kommt gar nicht erst auf die Idee, im August um den Sella Stock herumzubiken. Im August sind auch die sardischen Dolomiten schön, die übrigens auch sehr viel älter sind als die unseren. Und friedlicher sowieso.

CERCO L’ESTATE TUTTO L’ANNO.

„Ich suche den Sommer das ganze Jahr über“, singt Adriano Celentano in „Azzurro“. Und auf einmal ist er da, total auf den Monat August konzentriert. Doch statt durch Oleander und Baobab zeichnet er sich durch kilometerlange Staus auf den Passstraßen aus, durch Menschenschlangen vor den Liftstationen. Und durch das permanente Röhren von Autos und Motorrädern, die auch in den Köpfen derjenigen Touristen widerhallen, die eigentlich wegen Ruhe und guter Luft gekommen waren. Daher, lieber Kletterfreund, willst du hoffentlich nicht im August auf die Sellatürme steigen. Deine Kletterkameraden würdest du vor lauter Autolärm ja gar nicht hören. Geh zum Klettern lieber in die Dolomiten von Belluno, die sind ebenso schön und faszinierend.

JULI, JUCHHU!

Wenn du die Dolomiten wirklich liebst, dann solltest du nicht unbedingt den August für ein paar ruhige Ferientage ins Auge fassen. Denn im August ist vor lauter Staus auf den Passstraßen, röhrender Motorräder und lärmender Menschenschlangen an den Liftstationen von Ruhe nicht viel zu spüren. Daher, lieber Reisender, nimm lieber Abstand von einem Besuch der Drei Zinnen im August. Wusstest du, dass sich auf den sieben Kilometern Straße zwischen Misurina und der Auronzohütte im August die Autos stauen und du dafür auch noch 30 Euro Maut zahlen musst? Wenn du gerne mitten im Pandämonium Urlaub machen möchtest, dann komme gerne im August. Aber verschone uns dann bitte mit deinen Klagen. Du dachtest, bei Regen wäre ein Ausflug nach Bruneck nett? Vergiss es. Im Vergleich damit ist die Fontana di Trevi ein einsamer Geheimtipp.

IM AUGUST URLAUB ZU MACHEN
SCHIEN MIR IMMER SCHON DIE FALSCHE ENTSCHEIDUNG.

Behauptete kein Geringerer als Andrea Camilleri. Und wer wollte ihm widersprechen? Unsere geliebten Dolomiten zum Beispiel verwandeln sich im August in einen Groß-Parcours für entfesselte Motorradfahrer, die sich unter ohrzerfetzendem Röhren in die Kurven legen, während gleichzeitig eine Autorallye nach der anderen über unsere Passstraßen dröhnt – mal sind es Oldtimer, mal Sportwagen, dann wieder Cabrios oder Superluxusautos. Von den Menschenschlangen vor den Bergbahnen und den überfüllten Berghütten wollen wir gar nicht erst sprechen. Daher, lieber Biker, wenn du eine Motorradrallye veranstalten und mit deinen Kumpels bei uns übernachten willst: Wir wollen keine Rallyes. Und reservieren dir dafür auch keine Zimmer.

SOMMERHITS.

Kaum wird es draußen warm, verbreiten sich über sämtliche Radiosender all die neuen Sommersongs, die es in die Hitparaden schaffen wollen. Ihren Höhepunkt erreichen die Sommerhits immer im August, um sich schon im September, wenn das Leben wieder zur Normalität zurückkehrt, aufzulösen wie ein Eis in der Sonne. Die einzigen Sommerhits, die wir hier in den Dolomiten zu Ohren bekommen, sind allerdings Jahr für Jahr die gleichen – gleich lärmend, gleich störend, gleich lästig: Sie heißen „Autos im Stau“ und „Motorräder beim Gasgeben“. Daher, lieber Gast, der du die Dolomitendörfer abfahren und um fünf Uhr nachmittags in Sankt Kassian vorbeischauen will: Falls du nichts lieber tust, als zwei Stunden im Stau zu stehen, können wir dir das nur empfehlen.

FERIE D’AGOSTO.

„Ferie d’agosto“ heißt eine herrliche italienische Komödie aus den 1990er-Jahren mit Sabrina Ferilli und Silvio Orlando. In der sich linkes Kulturbürgertum und rechte Prolls unter dem Sonnenschirm begegnen. Jede Menge Situationskomik inbegriffen. Bei uns dagegen läuft jedes Jahr derselbe Sommerfilm, und zu lachen gibt es rein überhaupt nichts. Unter dem Titel „Volles Haus auf Sommerreifen“ wird geröhrt, aufgejault und Gummi verbrannt, dass es eine Schau ist – denn Auto- und Motorradfahren auf Dolomitenpässen ist das Lieblingsprogramm sämtlicher Darsteller. Lieber Gast, wenn du lieber einen Film sehen möchtest, in dem noch die echten, unverfälschten Dolomiten die Hauptrolle spielen, dann sieh lieber im Juni, Juli oder September bei uns vorbei. Viel Spaß im Kino!

SANKT AUGUST

Die Dolomiten im August sind wie ein hoffnungslos überfülltes Theater, auf dessen Bühne der ewige Kampf zwischen Gut und Böse ausgetragen wird. Zwischen Licht und Finsternis, Vernunft und Gefühl. Der permanente, sich ewig stauende Auto- und Motorradverkehr aber taucht alles in lärmende, höllische Finsternis. Ein Heiliger täte Not (ein Berber aus Tagaste zum Beispiel), um das langjährige Problem zu lösen und sicherzustellen, dass wir den Bergen wieder mit Liebe begegnen. Oder um dafür zu sorgen, dass die Touristen in den anderen Sommermonaten zu uns kommen. Und mit Frieden und gesegnetem Licht belohnt werden.