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11 September 2020

Es wird Zeit, dass wir unser Bel Paese zu schätzen lernen

Luciano Fabro, Italia d'oro - 1971 Galleria Palatina im Palazzo Pitti

Wir sind in einem wunderbaren Land. Das steht sogar auf den großen Werbetafeln an den Raststätten an der Autobahn geschrieben. In unserem Land gibt es derart viel Schönheit, dass uns die ganze Welt darum beneidet. Die Engländer und Franzosen haben ihre Hauptstädte, und auch der mittelalterliche Charme von Straßburg, die mediterranen Farben von Nizza und Marseille sind bezaubernd. Bei uns seufzt man in Venedig, man sieht Neapel und stirbt, Rom ist Caput Mundi, wir haben Renaissance-Perlen wie Florenz, Mantua und Siena, und noch viel mehr könnte ich hier auflisten. Die Norweger haben ihre Fjorde, wir dagegen den Monte Argentario, den Golfo dei due Mari, die Blaue Grotte. Auf der Osterinsel beschützen die Steinfiguren Moai das Land und die Menschen, die darauf leben, aber das sogenannte „Schwimmbad der Götter“ vor unserer herrlichen Isola dei Conigli, die Grotte della Poesie in Lecce und der sardische Golf von Orosei sind ebenfalls kleine Sensationen. Auf Island spucken die Geysire kochendes Wasser in die Luft. Bei uns besuchte Papst Pius II. die Thermen von Petriolo und die von San Filippo, beide in der Toskana, und die heißen Quellen der Insel Vulcano vor Sizilien. Und wo wir schon beim Thema Bäder sind: Die Engländer sind stolz auf ihre Thermalstadt Bath, aber angesichts unseres Tettuccio in Montecatini, der Trentiner Kurorte San Pellegrino und Levico Terme und des riesigen historischen Thermalbeckens in Bagno Vignoni würde ich mal sagen, es steht zehn zu eins für Italien. Mindestens! Auf den Fidschi-Inseln gibt es einen berühmten Vulkan, aber was sagen Sie zu unserem Stromboli, zum Vesuv, zum Ätna? Sind die großen amerikanischen Nationalparks unbedingt schöner als die ehemalige Bauxit-Grube im apulischen Otranto, wo sich ein smaragdgrüner See inmitten von feuerroten Felsen funkelt? In der Schweiz ist der Preis für einen Kaffee ungefähr so hoch wie das Matterhorn. Aber auch wir haben die Alpen und sind überdies die Heimat des Espresso. In Australien steht der Uluru, in Kalifornien der El Capitan. Und bei uns? Die Dolomiten! Und die sind viel mehr als nur der Pragser Wildsee, auch wenn man den auf Instagram zurzeit am allermeisten zu sehen bekommt. Wir haben also jede Menge Schönheit. Aber es gibt auch ein „Aber“. Und dieses Aber betrifft die Unfähigkeit in unserem Lande, diesen unerhörten Reichtum an Schönheit zu schützen, zu bewahre, wertzuschätzen. Eine Schönheit, die wir offenbar gar nicht verdienen. Man muss sich nur den Verfall und Niedergang in so manchen historischen Altstädten ansehen. Die vernachlässigten traurigen Peripherien, in die nichts investiert wird. Die vielen heruntergekommenen mittelalterlichen Städtchen. Der Autowahnsinn in den großen Städten, wo auch gerne mal in dritter Reihe geparkt wird, und auf unseren Alpenpässen. Und dazu die Tatsache, dass immer weniger Mittel für die Schönheiten unseres Landes eingeplant werden. Dass der Großteil der Italiener keinerlei Interesse daran hat, dass sich um seine Umgebung gekümmert wird. All das – und ich könnte die Liste beliebig fortsetzen – ist der Beweis dafür, dass wir unser „Bel Paese“ nicht richtig zu schätzen wissen, es nicht in Ehren halten. Wir haben diese enormen Ressourcen, die wir vernachlässigen, statt sie so zu nutzen, dass sie Arbeitsplätze, eine positive Entwicklung des Tourismus und vieles mehr hervorbringen. Aber so sind wir nun einmal, sämtlich potentielle Anhänger der legendären, vom großartigen Totò dargestellten Filmfigur Antonio La Trippa, die schrie:“ Träumt nur schön, Italiener, ihr Pantoffelbürger, schließlich gibt es ja hier einen Schlaflosen, der euch rettet. Ihr schlaft, aber La Trippa arbeitet. Wählt Antonio, wählt Antonio!“

Michil Costa (Gedanken auf der Basis des Buches Rifondare l’Italia sulla bellezza von Emilio Casalini)