This is not a cliché.

Gestern
Morgen
Jeden Tag eine neue Geschichte
30
Mittwoch
30 September 2020

Der Pflaumenbaum

Costa Family Foundation, Tibet

In seiner immensen poetischen Produktion schrieb Bertolt Brecht auch Stücke, die als Kinderlieder eingeordnet wurden. So wie dieses wunderschöne Gedicht, das wir zutiefst lieben und in dem sich ein ebenso tiefer Sinn verbirgt. Der Pflaumenbaum im diesem Gedicht ist nicht einfach nur irgendeine Pflanze. Und wie er da beschrieben wird, als Baum, der in seinem Wachstum vom Asphalt und einem Eisengitter erstickt wird, bis er keine Früchte mehr trägt, ist das Bild eines Menschen, der aufgrund der Beschränkungen, denen er unterworfen ist (das Fehlen von Freiheit, die Unmöglichkeit, die eigene Meinung auszudrücken, die Schwierigkeiten, die eigenen Träume zu verwirklichen, die Ausbeutung bei der Arbeit , die Wehrlosigkeit gegenüber Gewalt) nichts neues mehr hervorbringen kann und am Platz- und Lichtmangel leidet. Brechts Zeilen spiegeln die dramatische Realität in vielen Regionen unserer Welt wider, wo die Menschenrechte mit den Füßen getreten werden und nichts weiter sind als Lippenbekenntnisse. Und wo das Recht auf das Leben selbst extrem eingeschränkt ist.

Im Hofe steht ein Pflaumenbaum,

Der ist so klein, man glaubt es kaum.

Er hat ein Gitter drum,

So tritt ihn keiner um.

Der Kleine kann nicht größer wer'n,

Ja - größer wer'n, das möcht' er gern!

's ist keine Red davon:

Er hat zu wenig Sonn'.

Dem Pflaumenbaum, man glaubt ihm kaum,

Weil er nie eine Pflaume hat.

Doch er ist ein Pflaumenbaum:

Man kennt es an dem Blatt.