This is not a cliché.

Gestern
Morgen
01
Dienstag,
01 Oktober 2019

Die Berge und der Sinn von Grenzen

Vielleicht fange ich langsam an zu verstehen, wieso ich so leidenschaftlich an den Bergen hänge.

Ich fühle mich wie ein Teil von ihnen, ich achte sie und erfreue mich innerlich an ihnen, doch gleichzeitig erzeugen sie ein starkes Gefühl der Rührung in mir, das mich aus dem Gleichgewicht bringt. Ich fühle mich verletzlich. In den Bergen begreife ich, dass es sinnvoll ist, Grenzen zu haben.
Ich bin oft in den Bergen unterwegs. Ich weiß, wie anstrengend es ist, ein Schotterkar hochzusteigen. Ich kenne die Angst, die aufkommt, wenn sich Wolken bedrohlich zusammenballen, kenne die Müdigkeit der Muskeln, wenn ich mich senkrecht an einer Felswand hochziehe. Meine Wanderungen in den Bergen, die ich fast jeden Tag und aus reinem Vergnügen unternehme, haben mich viel über die Mühen der Bergbauern nachdenken lassen, die bei ihrer so wenig invasiven Arbeit immer an die Grenzen des Möglichen stoßen. Und nicht, weil das ihr Ziel wäre, sondern weil es diese manchmal extrem steilen Wiesen sind, die diese Grenzen setzen. Auf Hängen, auf denen auch die Vegetation an ihre Grenzen stößt, wo nur noch wenige Blumen wachsen, wo Gämsen und Steinböcke leben, die nach besonders kalten Wintern oft den Frühling nicht mehr erleben und die an besonders heißen Sommertagen selbst an ihre Überlebensgrenzen stoßen.
Vor ein paar Tagen stand ich auf dem Gipfel des Croz del’Altissimo, einem fantastischen Berg in den Brenta-Dolomiten. Ich war Gast beim Mountain Future Festival, das die Trentinern meisterhaft organisiert hatten. Der Anthropologe Annibale Salsa und der Liedermacher Simone Cristicchi hatten gesprochen und uns in eine andere Dimension mitgenommen, mit Diskussionen, die schwer wogen und leicht zugleich waren.

Jedenfalls habe ich auf diesem Gipfel einer 900 Meter hohen Felswand, mit einem schwindelerregenden Abgrund unter mir, gespürt, wie die Freiheit von mir abfiel.

Ich konnte ganz deutlich den Zustand unserer Begrenztheit spüren; ich habe verstanden, wie wichtig das Wissen um diese Begrenztheit ist. Habe gespürt, dass der Mensch eben nicht frei ist, dass er nur glaubt, es zu sein. Dass es glaubt, un-endlich zu sein, obwohl er es nicht ist. Er ist es vor dem blendenden Geglitzer der Luxus-Geschäfte ebenso wenig, wie wenn er eine Felswand hochklettert.
Das Fehlen der Bedeutung von Grenzen ist das Ergebnis einer allzu großen Freiheit, über die wir seit ein paar Jahrzehnten im Namen der totalen Emanzipation von allem und allen verfügen. Es hat uns sogar vergessen lassen, wie wir am besten die Zeit zwischen zwei Terminen nützen können. Zum Lehrplan der Schulen sollte nicht nur, wie kürzlich in Italien beschlossen, das Fach Bürgerschaftslehre gehören, sondern auch, wie man seine Zeit sinnvoll nützt. Wir sollten Re-Kreation lehren. Die Zeit, die den Menschen re-kreiert und die sich direkt auf sein Glück auswirkt.
Wir verwechseln unsere Freiheit gerne mit dem Angebot des Luxuskaufhaus Harrod’s an Weihnachten. Der Abgrund, der sich angesichts des Überangebots eines großen Kaufhauses auftut, ist vergleichbar mit der Leere, die man auf einem schwindelerregenden Gipfel unter den Füßen spürt. Es ist das, was passiert, wenn man die Berge allzu leichten Sinnes angeht – sowohl in physischer als auch in spiritueller Hinsicht.
Unsere Begeisterung für zu viel Freiheit entspricht der Verweigerung, uns selbst wirklich kennenlernen zu wollen. Wie Goethe sagte: „Wenn mich selbst kennen würde, würde ich die Flucht ergreifen."

Wir haben ganz vergessen, dass wir Gäste der Natur sind und dass – wie die alten Griechen sagten – der Mensch sterblich ist.

Wenn wir weiter so tun, als sei alles grenzenlos, verlieren wir unsere angeborene Weisheit, die wir ohnehin immer stärker vernachlässigen. Klar, dass wir ohne Grenzen nicht nur nicht glücklich sind, sondern auch nicht in Gemeinschaft leben können. Jede Gemeinschaft braucht Regeln, damit der eine mit dem anderen zusammen-leben kann. Damit wir uns verpflichten, das Richtige zu tun. Und damit wir uns dem anderen nähern können, so wie man sich einem Berg nähert. Mit Respekt, und in Kenntnis der eigenen Grenzen. Denn unter diesen Bedingungen wird eine Bergwanderung sehr viel mehr als nur eine sportliche Aktivität: Wer sich durch brüchigen Fels bewegt, von dem er weiß, dass ein Fehltritt den Absturz bedeuten kann, der versteht gleich sehr viel besser, wie dicht Leben und Tod nebeneinander liegen.
Eine sehr schmale Grenze ist manchmal auch die Morgenröte – „rosenfingrige Eos‘ nannte sie Homer – die man sofort im Blick festhalten muss, wie einen Gedankenblitz, der gleich wieder verschwindet, wenn man nicht aufpasst. Die Berge sind eine Gelegenheit für etwas tiefere Gedanken als sonst, und sie laden zum Zuhören ein. Damit wird das Bergwandern gedanken-los.
Die zu große Freiheit, jederzeit das tun zu können, was uns gerade in den Sinn kommt, lässt uns vergessen, dass die Berge allen und niemandem zugleich gehören. Niemand sollte das Recht haben dürfen, die Berge zu transformieren, doch das ist genau das, was wir tun: Wir verändern ihre Eigenschaften, schlagen Nägel hinein, decken Gletscher ab. Die totalitären Systeme haben die Berge zur Propaganda benutzt und dabei ihr Aussehen verändert. Wir haben Seilbahnen gebaut, Tunnel ins Eis geschlagen, Hochspannungsmasten errichtet, um sie dann in die Luft zu jagen. Natürliche Hindernisse beseitigen wir zugunsten der allgemeinen Zugänglichkeit und richten auf 2.000 Meter Höhe Spielplätze ein, leicht und garantiert ungefährlich, ganz selbstverständlich und ohne groß nachzudenken. Ist das alles schlecht? Nicht wirklich.
Die Berge sind schön, weil der Mensch mit ihnen in den Dialog tritt. Die Berge sollten uns jedoch zu wahrer Freiheit inspirieren – einer Freiheit mit Grenzen. Es ist schon richtig, auch denjenigen den Zugang zu den Bergen zu ermöglichen, die diese wunderbare Welt sonst nicht erleben könnten. Wir dürfen nur nicht dem Irrtum der allzu großen Freiheit verfallen, denn sonst droht unseren Bergen ein Schicksal als Vergnügungspark à la Disney World. Lasst uns nicht den Sinn für die Grenzen der Freiheit verlieren, denn sie ist die größte Botschaft, die uns die Berge mitgegeben haben.

michil costa