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Dienstag,
05 November 2019

L’infinito

Nach genau 200 Jahren die gestochene, elegante Schrift zu betrachten, mit der der große italienische Dichter Giacomo Leopardi die unsterblichen Verse seines romantischen Gedichts L’infinito zu Papier brachte, ist bewegend. Es fühlt sich an, als würde uns ein lieber und sehr viel weiserer Freund ein Geheimnis verraten, das wir nicht richtig verstehen, nur erahnen können. Leopardi schrieb L’infinito im Jahr 1819, vielleicht im Frühling, wahrscheinlicher aber im Herbst. Alles was wir sonst noch wissen, ist, dass das Jahr 1819 für ihn das schlimmste seines Lebens gewesen sein muss: Monate voller Verzweiflung, fast vollkommene Blindheit, furchtbare Einsamkeit, Unfähigkeit zu denken, nichts als Scheitern. Doch Leopardis Fähigkeit, gewissermaßen eine doppelte Persönlichkeit zu leben, war enorm. Trotz des Unglücks in seinem Leben findet sich in L’infinito nicht einmal ein Hauch von Schmerz. Stattdessen triumphieren Milde und Süße und steigern sich zu einer Dimension purer Freude, reinster Ekstase. Eine Seligkeit, die sich dem Nichts hingibt, dem Unbestimmten, und die unserer Seele einen Moment glückseliger Ruhe schenkt.