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Sonntag
08 November 2020

Was es zu sehen gibt

Auf Reisen gehen. Auch im Geiste. Was uns in diesen schwierigen Zeiten richtig gut tun kann, ist die Vorstellung, vor Portraits, Kunstinstallationen und große bunten Flächen zu stehen. Und schon reisen wir in Gedanken zum Hangar Bicocca in Mailand, einer Ausstellungslocation für zeitgenössische Kunst. Dort würde schon ein Blick auf Anselm Kiefers „Sieben Himmelspaläste“ genügen, um uns wenigstens für einen Moment in die Nähe des Göttlichen zu transportieren. Doch bis zum 21. Februar 2021 werden in dieser fantastischen Location auch die Installationen von Chen Zhen gezeigt, einem vor 20 Jahren gestorbenen Künstler aus Shanghai. Chen Zhen trat für das Recht auf Diaspora und kulturelle Kontamination in jenem innerlich abgeschlossenen China ein, das sich nur nach außen öffnete, um Schiffsladungen von Waren auf den Weltmarkt zu werfen. Von Mailand wandern wir in Gedanken nach Padua weiter, wo sich alles um van Gogh dreht. Im Centro San Gaetano läuft noch bis zum 11. April 2021 die Ausstellung „I Colori della Vita“. Bei dieser mit 83 Werken größten italienischen Ausstellung über den niederländischen Maler stehen wir gleich zu Beginn vor drei großen Gemälden von Francis Bacon, einer Leihgabe der Londoner Tate Gallery, bei denen dem Betrachter schnell das Lachen im Halse stecken bleibt. Weiter reisen wir auf unserem Zauberteppich in ein ehemaliges Elektrizitätswerk in Neapel – Traumblick auf den Vesuv und die Stadt natürlich eingeschlossen – das heute das „Museo Archivio Laboratorio per le Arti Contemporanee Hermann Nitsch“ ist. Aktuell zu sehen ist ein neuer Werkzirkel des Wiener Aktionskünstlers. Drei große Gemälde, die eine vibrierende chromatische Kosmogenie ergeben, dazu auf dem Fußboden verteilt Behälter, bis an den Rand mit Malerei-Rückständen angefüllt, frische Blumen und jede Menge Spritzer. Ein Erlebnis, das den Besucher mit seiner explosiven Energie mitreißt – mindestens! Doch bevor wir im Geiste wieder nach Hause reisen, machen wir noch einen kleinen Zwischenstopp in Venedig an der Punta della Dogana. Die Ausstellung „Untitled“ (die noch bis zum 13. Dezember läuft), lohnt einen Besuch allein schon wegen der sieben Minuten des Videos von Arthur Jafa, in dem der amerikanische Künstler aus Mississippi seine Botschaft zu Bürgerrechten verkündet, und zwar mit Bezug auf die jüngere Vergangenheit von Malcolm X bis zu Beyoncé. Und schon haben wir zum x-ten Mal begriffen, wir wichtig Kunst für uns ist, wie gut sie tut – ein Allheilmittel gegen vieles Schlechte auf der Welt.

Chen Zhe, The voice of Migrators