This is not a cliché.

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Freitag,
10 Mai 2019

Unsere Freundin, Schwester Patrizia

Schwester Patrizias Augen glänzen. Große Intelligenz spricht aus ihnen. 18 Jahre war Schwester Patrizia in Hong Kong, wo sie nebenbei auch Mandarin gelernt hat. Sie hat einen einzigartigen Humor, der sich mal in Schlagfertigkeit, mal in Sarkasmus und Lachausbrüchen zeigt. Sie hat einen Universitätsabschluss, spricht jede Menge Sprachen und hat 13 Jahre lang VOICA geleitet, eine canossianische Freiwilligenorganisation, die jedes Jahr tausende von Helfern in die Welt hinausschickt. Seit zehn Jahren arbeitet sie gemeinsam mit Schwester Maristella in Togo und seit fünf Jahren in Amakpapé, einen 12.000-Einwohner-Ort in diesem afrikanischen Land. Gemeinsam haben die beiden dort ein Missionszentrum aufgebaut, mit einer Kirche, einer Art Kathedrale in der Wüste, mit einer ordentlich aus Ziegelstein und Zement errichteten Schule, Häusern für verlassene Frauen, einem Erste-Hilfe-Zentrum und einem Wohnhaus für all die Freiwilligen, die kommen und gehen. Es gibt fließendes Wasser, Sonnenkollektoren und einen Schutzengel aus Zement in rosa Bekleidung – aber waren die Engel nicht immer blau? – der am Schuleingang Wache hält. Über afro-katholischen Kitsch ließe sich lange diskutieren! Aber das sind Details. Patrizias Blick kann auch sehr streng sein. Wie sollte sie es auch sonst schaffen, alles im Griff zu behalten? Zu kontrollieren, dass keiner auf der faulen Haut liegt, den Lohn zu verteilen, den Überblick über die Zahlen zu behalten, zu schauen, dass der Laden läuft? Mit ihrem Blick kann Schwester Patrizia aber auch dein Herz streicheln, denn sie steckt voller Liebe und ist sanft und klar wie ein Bergbach. Vergessen wir mal all die Karrierefrauen im Gucci-Kostüm und mit der Prada-Tasche, die in den Hochglanzzeitschriften als Erfolgsfrauen verkauft werden. Schwester Patrizia ist in abgelaufenen Crocs unterwegs, mit denen sie übrigens auch Traktor fährt. Dazu trägt sie heruntergerutschte Socken. Und kombiniert dazu den weißen Nonnenschleier, hinter dem sich ihre mittlerweile ergrauten Haare verbergen. Ihre Stimme hat etwas von einer Ananas – je nach Sachlage ist sie entweder süß oder ein bisschen sauer. Außerdem ist sie klein, wenn auch nicht zierlich. Kick-and-Rush ist ihr Ding und die Kapitänsbinde eindeutig die ihre. Schwester Patrizia ist unsere Freundin, und unsere Stiftung arbeitet schon lange mit ihr zusammen. Von ihr haben wir ein Gebet gelernt, das ungefähr so geht:
Grübele nicht über deine Geschichte und deine Niederlagen. Kümmere dich lieber um das Land, um die Stadt. Wer nur auf sich selbst sieht, gelangt nie zur Erleuchtung.
Es sind Menschen wie Schwester Patrizia, die unseren Weg mit erleuchtet haben. Wir wissen schon, dass man nicht die großen Probleme der Welt löst, wenn man sich mit kleinen Taten ums Land, um die Stadt, um die Dörfer, um die ärmeren Menschen kümmert. Doch es ist eine kostbare Tugend, die in sich den tiefen, wahren Sinn des Lebens birgt. Hut ab, Schwester Patrizia.