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21 Mai 2019

MITTE MAI HAT ES NIE AN SCHNEE GEFEHLT

Die Berge angucken und die Linien, die ihre Gipfel in den Himmel zeichnen, ist ein wunderbares Spiel, das man zu jeder Jahreszeit spielen kann, solange nicht Nebel oder dichte Wolken die Berge verhängen. Ansonsten funktioniert es sommers wie winters, mit Kindern oder ohne, sogar nachts (bei Vollmond). Man kann es sogar spielen, wenn man sich gerade ganz woanders aufhält. In diesem Fall betrachtet man einfach eine alte Postkarte und sieht – vielleicht zum ersten Mal – dass die Gipfel hier ganze Buchstaben bilden: ein großes M oder ein großes N. Oder man entdeckt das Gesicht eines Riesen, der mal gut, mal böse dreinschaut. Der Dichter Zanzotto, der die Berge von seiner Heimat Belluno aus betrachtete, schuf den schönen Satz: MAI MANCANTE NEVE DI METÀ MAGGIO. Das heißt soviel wie „Mitte Mai hat es nie an Schnee gefehlt“, aber der Witz dieser Worte steckt in der Aneinanderreihung der Buchstaben M und N im Italienischen, deren Profil der Dichter beim Blick auf seine Berge wahrnahm. Wobei man auch sagen muss, dass Zanzotta der Mai-Schnee nicht unbedingt gefielt, anders als (behauptet Zanzotta) den Deutschen, die das späte Fallen der Temperaturen mit dem schönen Wort „Eisheilige“ bezeichnen. So können sich Landschaft und Botschaft überlagern und gemeinsam ein Gefühl von Unbehagen und Freude vermitteln. Schon lustig, auf was für Gedanken man beim Betrachten der Berge so kommen kann!