This is not a cliché.

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Donnerstag,
16 Mai 2019

Eine Geschichte zum Trinken

Wir schreiben das Jahr 1975. Ernesto ist nach dem schrecklichen Brand, der das Haus verwüstet hat, immer noch am Boden zerstört. Der Wiederaufbau hat begonnen, und auch Ernesto versucht, wieder neuen Mut zu sammeln. Der Chef des Unternehmens, das den Wiederaufbau leitet – sein Name ist Vittorio Zolet – lädt Ernesto ein, mit ihm eine Messe in Mailand zu besuchen. Ein wenig Ablenkung, findet Vittorio, wird Ernesto guttun. Die beiden reisen nach Mailand, schlafen im Hotel, und spazieren am nächsten Morgen durch verschiedene Messehallen. Schließlich kommen sie in einen Bereich, in dem Weine aus dem In- und Ausland präsentiert werden. Nach allerlei Degustations-Stopps ist der Stand des italienischen Weinguts Antinori erreicht, an dem drei hübsche Messe-Hostessen als lockende Sirenen Dienst tun. Ernesto und Vittorio haben die ersten Weine probiert und die ersten Kanapées genossen, als die hübscheste der Sirenen vorschlägt, den Sassicaia zu verkosten, den Paradewein des Guts. Warum nicht? Und warum auch nicht ein paar Kartons kaufen, wo man schon einmal dabei ist? Die drei Mädchen sind ja auch wirklich sympathisch! Wieder ist es die hübscheste der Hostessen, die vorschlägt, doch gleich einen Karton von jedem der fünf Jahrgänge zu kaufen, die am Stand präsentiert werden. Tja, warum eigentlich nicht? Oder Moment, wie wäre es mit zwei Kartons pro Jahrgang? Warum nicht? Sind ja alles zusammen bloß 120 Flaschen. Alles klar? Alles klar. Noch eine letzte Degustation, ein letztes Kanapée, ein letztes Lächeln. Und arrivederci, ciao, tanti saluti! Den Wein schicken wir euch nach Hause, erklären die Sirenen, kein Problem!
Eines Tages dann ruft Vittorio Ernesto an, völlig aufgelöst: Ernesto, was machen wir bloß mit den ganzen Flaschen? Genau in diesem Moment trifft der Kurier in Corvara ein; der Fahrer beginnt, unzählige Kartons abzuladen und Ernesto begreift: Aus zehn Kartons sind 110 geworden. Die schöne Antinori-Sirene hat im letzten Moment einfach noch eine 1 vor jede 10-er Bestellung gemalt, macht 110 Kartons Sassicaia, und den beiden heiteren Messebesuchern ist es nicht aufgefallen. 100 Kartons, die ein Vermögen kosten, und wer soll das jetzt bitte Anni beibringen, wo die Situation nach dem Brand ohnehin schon so angespannt ist? Vittorio, ein echter Gentleman, schlägt Ernesto vor, dass dieser hundert Kartons nehmen soll, einfach so, er will nichts dafür. Ihm reichen zehn. „Und du, Ernesto, baust dir damit einen schönen Weinkeller auf, und wenn ich dich besuchen, machen wir eine Flasche auf und lachen gemeinsam über alles!“ Doch es bleibt das Problem mit der Rechnung. Wie soll Ernesto das bloß bezahlen? Auftritt Bob Hamberger, Freund von Ernesto und Antinori-Vertreter für Italien. Als er von den Hunderten Sassicaia-Flaschen hört, trifft ihn fast der Schlag: „Ernesto, du hast keine Ahnung, was du für einen Glücksgriff getan hast! Du hast jetzt einen echten Schatz im Haus!“ Dann übernimmt Bob netterweise erstmal die Antinori-Rechnung. Ernesto wird sie ihm in Raten zurückzahlen. Das ist die Geschichte zu den Anfängen unseres Weinkellers, den wir wenig später Mahatma Wine tauften, weil der Wein eine große Seele hat und große Freuden spendet. Richtig, schöne Sirene?