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Mittwoch,
01 Mai 2019

Alles geht vorüber

„Alles geht vorüber“, hat mir einmal der Dalai Lama gesagt, als ich die Ehre besaß, ihn im Amtszimmer des früheren Bürgermeisters von Venedig kennenzulernen, und dieses „alles geht vorüber“ sagt er mir noch einmal anlässlich eines offiziellen Mittagessens in Trient. Ich fragte damals den Dalai Lama, wann die Chinesen aus Tibet fortgehen würden. „Das weiß niemand“, lautete seine Antwort, gefolgt von einem „Die Quelle des Glücks ist ein gutes Herz“. Glück ist nicht nur ein Geschenk, es ist eine Aufgabe. Ich beneide den Dalai Lama, diese starke Persönlichkeit, um seinen Optimismus. Während ich ihm von den Dolomiten und den Ladinern erzählte, nahm er meine Hand und drückte sie an sich. Er, der Dalai Lama, nahm Anteil an diesem Wenigen, das ich ihm sagen konnte. Für mich war das eine große Lektion in Sachen Demut. Die unerschütterliche Kraft wiederum, mit der er weiterhin hartnäckig, aber auf friedliche Weise gegen die Unterdrückung kämpfen will, ist ein permanenter Akt der Courage, der mich tief beeindruckt hat. Auf tibetanischem Gebiet sind bis heute hartes Durchgreifen, ständige Unterdrückung und unerhörte Brutalität durch die Chinesen an der Tagesordnung. Über 60 Jahre sind vergangen, seit der Dalai Lama sein geliebtes Land für immer verlassen musste. Es war der 17. März 1959, und Tenzin Gyatso war 24 Jahre alt. Die Chinesen hatten den Tibetaufstand mit Waffengewalt niedergeschlagen, und es folgte ein kultureller Genozid, denn für die Chinesen galt es die starke tibetanische Identität zu unterdrücken. Es schien ihnen zu riskant, der tibetanischen Gemeinschaft auch nur einen Funken an Autonomie zu lassen. Sonst hätten zahlreiche weitere linguistische Minderheiten in China immer mehr Freiheiten gefordert. Daher werden die tibetanischen Klöster permanent kontrolliert, die Telefonleitungen überwacht, die Internetverbindungen blockiert. Das Land ist wie versiegelt; hunderte Menschen wurden zu politischen Häftlingen, Mönche wurden verhaftet, Tausende Tibetaner eingeschlossen. Nur wenig dringt durch die Mauer des Schweigens, und von denen, die zu fliehen versuchen, um in Indien eine neue Identität zu finden, weiß man nichts. Im Himalaya gibt es Bergführer, denen tibetanische Eltern ihre kleinen Kinder anvertrauen. Unter schrecklichem Leiden schaffen diese es manchmal bis nach Indien, aber häufiger noch werden sie von den Chinesen erschossen oder sterben aus Erschöpfung. Seit die Zugverbindung auf das Dach der Welt eröffnet wurde, sind Millionen von Chinesen nach Lhasa gekommen und haben die Stadt in eine Metropole verwandelt, die ein höchst empfindliches Ökosystem bedroht. Die tibetanische Bevölkerung wurde in ihrer eigenen Heimat zu Bürgern zweiter Klasse degradiert. Die Grundrechte des tibetanischen Volkes, die ihnen von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen garantiert werden, werden permanent verletzt. Die chinesische Propaganda will „der Welt helfen, das wahre Tibet zu verstehen, das seit uralten Zeiten ein unverzichtbarer Teil von China ist“, errettet aus Rückstand und Sklaverei. Wovon die Chinesen nicht sprechen, sind die vielfältigen Formen kontinuierlicher Umweltzerstörung, von Abholzungen bis hin zu Atommülllagerung. Dabei war das Dach der Welt, das Land der Götter, eine stabile, ausgeglichene Region, in der die Bewahrung der Umwelt einen wichtigen Bestandteil des Alltagslebens der Bevölkerung darstellte. Die „Selbstregelung“, die alle tibetanischen Buddhisten teilen, bedeutet, dass die Umwelt genutzt wird, um die eigenen Bedürfnisse zu stillen, aber nicht aus Gier. Doch jetzt gibt es im größten See auf der tibetanischen Hochebene ein Endlager für radioaktive Stoffe. In Tibet waren Naturparks und -reserven nie notwendig, weil jeder Buddhist die gegenseitige Abhängigkeit aller lebenden und nicht lebenden Elemente auf unserem Planeten kannte und respektierte. Die Regierung von Tibet verbot die Jagd. Und die Chinesen schweigen heute darüber, dass Tibet Uranium- und Ölvorkommen besitzt, dass es mineralische Ressourcen wie Lithium und Gold besitzt. Die von ihnen völlig unkontrolliert ausgebeutet werden. Die tibetanische Hochebene muss vor ihrer ökologischen Zerstörung bewahrt werden. Das ist nicht nur für das Überleben der Tibetaner von grundlegender Bedeutung, sondern auch für das Wohl einer Hälfte der ganzen Menschheit. Kein lokales Problem also, sondern international von entscheidender Wichtigkeit.

michil costa