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06 Mai 2020

Die Auerhahnbalz

„Im Frühling, wenn die Weiden- und Holunderknospen über dem von Schmelzwasser vollgesogenen Schneebett heranschwellen, findet seit Jahrtausenden an gewissen verborgen Plätzen die Auerhahnbalz statt. Diese Plätze sind abfallende Lichtungen, zur ersten Sonne ausgerichtet, still und unberührt. Orte, von denen aus der Klang sich weit ausbreiten kann. Diese Orte hat der Auerhahn von Anbeginn an zur Stätte seines Balzgesangs bestimmt, den er in der ganzen Umgebung, im Wald und zwischen den Bergen erklingen lässt. Seinen Artgenossen gegenüber markiert er damit seine Überlegenheit und sein Revier. Anfangs lässt er seine Gegenwart von einem Tannenzweig aus vernehmen: Es hört sich an, als ob ein großer Hammer einen Nagel in ein Resonanzholz schlüge: tek-tek-tek. Dann, wenn hinter den Bergen die Dämmerung aufsteigt und wenn sich die Silhouette des Walds gegen den Himmel abzuzeichnen beginnt, dann verstärkt sich mit dem Licht auch sein Gesang. Er kommt auf den Boden herunter, fächert seinen Schwanz hoch auf wie eine Standarte und schleift mit den hängenden Flügeln über den Schnee, so dass zwei parallele Streifen entstehen. Mit hochgerecktem Hals und dem zur Sonne ausgerichteten Kopf stößt er seine herausfordernden und lockenden Rufe aus. Dann dreht er sich im Kreis, zittert, macht mit klappernden Flüge ein paar Sätze nach oben. Sein gutturaler Gesang mag an einen Wetzstein denken lassen, an dem eine Sense geschliffen wird. Stundenlang macht er so weiter, und wenn ein anderer sein Revier betreten und die Herausforderung annehmen will, dann kommt es zu Kampf: Der stärkere wird Chef. Und an einem gewogenen Morgen schließen zeigen sich die Auerhennen, um sich von dem Hahn befruchten zu lassen, der das gravitätischste und ausgewogenste Verhalten an den Tag gelegt hat. Danach verteilen sich die Hennen im Revier, wo sie sich nach noch unbekannten Kriterien ihre Brutstätte auswählen. Diese befinden sich in der Regel in der Nähe von Lichtungen und freien Plätzen, wo die Küken leichter grasen können.“

Mario Rigoni Stern, Il libro degli animali

Wie wunderbar, diese Sätze von Rigoni Stern, mit ihrem schlichten sprachlichen Reichtum, den nur einsetzen kann, wer die Dinge wirklich kennt. Im Mai kann man bei uns in den Bergen den Auerhahn balzen hören. Alles was man tun muss, ist ganz still durch den Wald zu wandern. Und nicht zu stören.