This is not a cliché.

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Jeden Tag eine neue Geschichte
11
Mittwoch
11 März 2020

Noch gastfreundlicher
als zuvor

„Das ist eine von den Amerikanern angezettelte Verschwörung“. „Das Bakterium wurde im Labor erzeugt“. „Wir hätten einfach weitermachen sollen wie bisher“. „Die Franzosen und die Deutschen waren schlau und wir Italiener viel zu ehrlich“. „Die Opfer waren alt und schwach, jetzt sind sie bei Gott, aber sie waren ohnehin dem Tode geweiht“. „Schuld sind bloß die Medien, Facebook und die Politik“. „Alarmismus und Panikmache sind viel gefährlicher als das Virus selbst“. „Diese Angst vor der Angst, nur wegen ein bisschen Fieber“. „Hätten wir ein Europäisches Gesundheitsministerium...“ Vermutungen, Beschuldigungen, Individualismus, Egoismus, Protagonismus und anderes mehr: Jeder rettet sich in seine Weisheit. Der Punkt ist, dass wir in unserer reichen westlichen Welt eine derartige Krise auf unserer eigenen Haut seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr erlebt haben. Nicht einmal die 18.000 Menschen, die in den letzten fünf Jahren im Meer ertrunken sind, haben die Alarmglocken weltweit zum Läuten gebracht. In dem ein oder anderen Herzen zwar schon, doch nicht auf globaler Ebene. Nein, es brauchte ein Problem, das uns direkt betrifft, damit wir aus unserer Erstarrung aufwachen. An dergleichen sind wir nicht mehr gewohnt. Unser Interesse ist stets auf das gerichtet, was unmittelbar ganz in unserer Nähe geschieht, während wir die Probleme rund um den Klimawandel nie so richtig ernst genommen haben, weil die in der Zukunft liegen, weshalb wir sie nie als dringend wahrgenommen haben oder wahrnehmen wollten. Mit einer Infizierung dagegen hatten wir nie gerechnet. Doch jetzt wollen wir uns an das halten, was – in Ermangelung eines wirklich vereinten Europas – unser italienischer Staatspräsident sagt, der sehr deutlich geworden ist: Jetzt ist nicht der Moment für Anarchie.

Nach anfänglicher Unentschlossenheit haben wir jetzt die Pflicht, den Anweisungen ohne Wenn und Aber Folge zu leisten. Wir müssen das Hotel La Perla, das Berghotel Ladinia und den Albergo Posta Marcucci in der Toskana vorzeitig schließen, und das tut uns für die Saison, für die Gäste und für unsere treuen und wunderbaren Mitarbeiter ganz außerordentlich leid. Doch wir müssen schließen und sehen uns in der nächsten Saison wieder.

Schwierige Zeiten stehen uns bevor, aber erst in der Krise kann der Mensch zeigen, was alles in ihm steckt. In dieser extrem harten Situation kann – muss – die Chance für einen Neubeginn stecken, in dem wir ungerechte Paradigmen beseitigen, etwas weniger unmenschlich werden und von neuem begreifen können, dass wir als Menschen die Wahl haben. Und das wird uns auch gelingen. Wir müssen das Positive an dieser Geschichte erkennen, die große Chance, die sich gerade vor uns auftut: In den nächsten Monaten müssen wir nicht nur eine Lösung gegen das sich ausbreitende Virus finden, sondern auch für Migration und Klimawandel. Jetzt haben wir die Gelegenheit, zu lernen, dass wir als Individuen mit weniger auskommen können, um in der Allgemeinheit mehr zu haben. Covid-19 ist weder die schwarze Pest noch die politische Pest, die vor siebzig Jahren um sich griff und die für Albert Camus der Nazismus war. Covid-19 ist weder Tschernobyl noch der Dritte Weltkrieg. Es handelt sich um eine Phase, die ich – auch wenn dieser Standpunkt unangemessen erscheint und auch gar nichts zählt – faszinierend finde. Eine Notsituation, die nicht so schnell vergehen wird, nicht in einem Monat und auch nicht in wenigen Saisons. Sie wird unser Denken verändern, und wir werden – hoffentlich wenigstens ein bisschen – künftig etwas mehr mit dem Kopf denken und weniger mit dem Bauch. Jemand (Ernst Bloch) hat einmal gesagt, dass „der Reichtum einer Epoche im Todeskampf gewaltig“ sei. Ich fordere uns alle dazu auf, dieses Kapitel der Geschichte leicht und sanft zu leben: „Langsamer, tiefer, zarter“, wie es sich der Südtiroler Politiker Alexander Langer schon vor über 20 Jahren wünschte. Jetzt ist der Moment gekommen. Wir können nicht zu Stein erstarren, wir müssen handeln. Und dass wir handeln können, haben wir bereits gezeigt. Ziehen wir uns also jeder in sein Zuhause zurück, aber vereinen wir uns im Denken.

Ein ganz großes Dankeschön an unsere Mitarbeiter, die hier in den Hotels sich weiter unsere Gäste gekümmert haben, die gekocht, die Betten gemacht und die Koffer getragen haben, und das in Kontakt mit der halben Welt. Sie sind wirklich etwas Besonderes.
An sie geht unser großes GIULAN.
Danke, liebe Gäste, dass Sie bei uns gewesen sind. Und für Ihr Verständnis. Danke dafür, dass Sie an eine Gastfreundschaft glauben, die italienisch ist, südtirolerisch, dolomitisch, ladinisch, familiär, so wie wir im Kleinen. Bald schon werden wir noch gastfreundlicher sein als zuvor. Das ist zum gegenwärtigen Stand der Dinge das einzige Versprechen, das wir sicher geben können. Wir sehen uns im Sommer wieder – so oder so!

michil costa