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31 Juli 2020

Elizabeth, die erste Olympionikin

Am 31. Juli 1928 wird, obwohl Papst Pius IX. und ein Großteil der öffentlichen Meinung absolut dagegen sind, gegen jahrhundertealte Vorurteile und für die Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau gelaufen. Der erste olympische Lauf für Frauen findet auf einer Aschenbahn statt und es geht um eine Goldmedaille mit großem Symbolgehalt. Der Ort ist Amsterdam, Austragungsstätte der neuen Olympischen Spiele der Neuzeit. Am Start ist eine junge Amerikanerin, Elizabeth Robinson, auch Betty genannt. Sie ist 17 Jahre alt. Ihr Läufertalent hatte ein Lehrer entdeckt, der sie aus dem Zugfenster beobachtet hatte, wie sie wie um ihr Leben lief, um diesen Zug noch zu erreichen. Der Sprint, den sie dabei hinlegte, entschied über ihr Leben. Es ist 16.35 Uhr in Amsterdam. Betty, blauäugig und mit windzerzausten blonden Locken, rennt wie der Blitz und kommt als Erste ins Ziel. Für die 1000 Meter braucht sie 12 Minuten und 2 Sekunden und gewinnt vor Fanny Rosenfeld und Ethel Smith. Sie ist die erste Frau überhaupt, die eine olympische Medaille gewinnt und bricht auf dem Siegerpodest in Tränen aus wie ein kleines Mädchen. Ihre Rückkehr nach Hause ist ein Triumphzug: Betty ist nun nicht mehr das kleine Mädchen von nebenan. Sie hat jetzt einen Traum: Die Olympischen Spiele von Los Angeles 1932. Sie trainiert, sie bereitet sich vor, sie wird Weltmeisterin nicht nur auf 1000 Metern, sondern auch auf 60, 70 und 200 Yards, und im Jahr vor dem großen Event in Los Angeles ist sie in der Form ihres Lebens. Alle setzen auf sie, doch das Schicksal meint es anders mit ihr. Es hat eine böse Überraschung für Betty vorbereitet. Denn am 28. Juni 1931 nimmt sich Elizabeth einen freien Tag vom Training. Schließlich ist sie gut wie nie zuvor, und die Idee, mit ihrem Cousin Wilson Palmer, der gerade die Pilotenlizenz erworben hat, eine kleine Tour mit seinem Doppeldecker-Flugzeug zu machen, ist eine große Verlockung. Die beiden starten, das kleine Flugzeug schraubt sich in den Himmel, wo der Motor ausfällt. Der Doppeldecker stürzt ab. Elizabeth und ihr Cousin überleben wie durch ein Wunder, doch Betty trägt einen multiplen Oberschenkelbruch zwischen Hüftgelenk und Knie davon. Monate werden vergehen, bevor sie auch nur wieder wird gehen können. Elf Wochen liegt sie im Krankenhaus, meistens bewusstlos und nur hin und wieder ansprechbar und klar im Kopf. Weitere vier Monate kann sie sich nur mit Hilfe eines Rollstuhls und Krücken vorwärtsbewegen. Als sie es endlich wieder mit dem Gehen versucht, zeigt sich, dass ihr linkes Bein einen Zentimeter kürzer ist als das rechte, weshalb sie die Idee mit den Olympischen Spielen in Los Angeles definitiv begräbt. Doch Betty hat einen eisernen Willen. Langsam fängt sie wieder mit dem Laufen an, und auch wenn sie nicht mehr dieselbe Athletin ist wie früher, bleibt sie Spitzenklasse. Den Blick richtet sie nun auf Berlin, auf die Olympischen Spiele Hitlers, der Hakenkreuze und der ozeanischen Choreographien, die Spiele von Leni Riefenstahl und Jesse Owens. Die Olympischen Spiele im Deutschland der Nazis, an denen die USA überhaupt nur deshalb noch teilnehmen, weil sich der Präsident des Olympischen Komitees, Avery Brundage, davon überzeugen lässt, dass es im „Dritten Reich“ keine Judenverfolgung und Diskrimination gibt. Elizabeth kann sich wegen ihrer orthopädischen Beeinträchtigungen nicht mehr auf den Startblock knien und nur noch im Staffellauf 4x100 mitlaufen. Als der große Tag kommt, gelten die deutschen Läuferinnen, die gerade den Weltrekord geknackt haben, als extreme Favoritinnen. Doch im letzten Moment des Laufs geschieht das Unerwartete: Die deutsche Läuferin verliert das Gleichgewicht, kugelt über den Boden und verliert den Stab. Vor dem ungläubigen „Führer“ und hunderttausend enttäuschten Zuschauern ziehen die Amerikanerinnen als Siegerinnen ins Ziel. Elizabeth gewinnt ihr zweites olympisches Gold – und das obwohl ihr Menschen vorausgesagt hatten, dass sie nie wieder nicht einmal nur wieder gehen würde können. Sie besiegt damit auch uralte Vorurteile und gibt den Weg für die Sportlerinnen in die Zukunft vor. Für alle, nicht nur für die amerikanischen.