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02 Juli 2020

Die Sellaronda wie der Mugello Circuit

Während den Monaten von Lockdown und Ausgangsbeschränkungen wurde in Zeitungen, Fernsehen und Internet viel darüber diskutiert, ob diese Zwangspause nicht ein Anlass dafür sein könnte, unser eingefahrenes Verhalten, in dem sich alles um Konsum, Verschwendung und Umweltzerstörung dreht, positiv zu modifizieren. Leider müssen wir feststellen, dass die Gelegenheit ungenutzt verstrichen ist und wir schon wieder mit Vollgas auf der alten, um keinen Millimeter begradigten Schnellstraße unterwegs sind. So dass wir einen Artikel, den Michil Costa von exakt fünf Jahren für die Südtiroler Tageszeitung „Alto Adige“ geschrieben hat, heute wieder veröffentlichen können. Und zwar, ohne auch nur ein Komma daran zu verändern.

Jedes Jahr ist es das Gleiche. Auf der einen Seite die Motorradfahrer, die unsere Dolomitenstraßen beherrschen. Auf der anderen das Geld, das für sinnlose Kampagnen ausgegeben wird, beziehungsweise für Kampagnen, die vor allem das schlechte Gewissen der Institutionen beschwichtigen sollen. Man müsste sich mal entscheiden, ohne immer nur die üblichen Kompromisse zu schlichten, Strafzettel auszustellen, Erklärungen abzugeben, die nur das Gesicht bewahren sollen. Wollen wir wirklich eine Art Mugello Circuit rund um das Sellamassiv? Dann sollte das mal klar und deutlich ausgesprochen werden. Wir wollen Lärmbelästigung, Verletzte, Tote und Naturerstörung? Gut. Aber dann informieren wir bitte die Radfahrer, dass sie sich andere Straßen oder überhaupt gleich andere Gegenden suchen mögen. Unser Welterbe Dolomiten ist Motoradfahrern ausgeliefert, die sich alle für Valentino Rossi halten und für die Herren der Straße. Man muss das halt wissen und entsprechend klar und deutlich kommunizieren. Weniger „no credit“ als vielmehr „no cyclist“ und als Folge davon „no future“. Aber welchen Sinn hat es denn noch, gesunden Menschenverstand zu predigen? Es nützt ja nichts. Nur die harte Tour bringt hier wirklich Ergebnisse. Es hat keinen Sinn mehr, sich zu verstecken. Zu viele Tote hat es gegeben, zu viele Tränen, zu viele Verletzte und zu viel Verzweiflung. Schluss also mit sinnlosem Geplänkel, mit sinnlosen Strafen. Kurt Vonnegut hat gesagt, dass wir „das sind, was wir darstellen. Also müssen wir darauf achten, was wir darstellen.“ Er wird doch nicht etwa Recht haben? Machen wir endlich Schluss mit dem Mythos von Südtirol als makellosem Paradies mit unberührten Landschaften. Lügen haben bekanntlich kurze Beine, und von der Lüge kann man sogar sterben, wie es immer wieder auf unseren Straßen geschieht.

Michil Costa, Alto Adige, 02.07.2015