This is not a cliché.

Gestern
Morgen
Jeden Tag eine neue Geschichte
11
Donnerstag
11 Juni 2020

Wettervorhersage

Alfred Stieglitz, Equivalent, 1923

Ein guter Haus- und Brieffreund von uns, Luca Mercalli, hat uns aus seinen piemontesischen Bergen seine ganz persönliche Wettervorhersage geschickt, die wir an dieser Stelle gerne mit Ihnen teilen möchten. Immerhin ist er einer der angesehensten Metereologen und Klimaforscher Italiens, und von seiner wissenschaftlich fundierten Weisheit lassen wir uns gerne aufklären. Giulan, lieber Luca!

In dieser seltsamen Zeit des Stillstands haben wir mehr Zeit zum Nachdenken und zum Lernen, zum Lesen und zum Betrachten des Himmels. Zeit auch, um die Welt vorherzusagen, in der wir leben werden. Wir werden auf einem wärmeren Planeten leben, daran kann es keinen Zweifel mehr geben. Doch wieviel wärmer es werden wird, das liegt an uns. Wir halten gewissermaßen das Thermostat unserer Erde in Händen: Zwei Grad wärmer wird es, wenn es uns gelingt, Verschwendung und überflüssigen Konsum zu reduzieren. Fünf Grad wärmer wird es, wenn wir weiter dem Imperativ des „immer mehr“ folgen wollen. Erhöhte Temperatur bedeutet das Schmelzen der Gletscher, das Ansteigen der Meeresspiegel, bedeutet immer wildere Stürme, anhaltende Trockenheit, alles zerstörende Brände. Es bedeutet Völkerwanderungen und Bruderkriege. Was hat es für einen Sinn, unsere heutige Zeit zu verschlingen und die Abfälle dieses Wettrennens dem Morgen zu überlassen? Ich wünsche mir, dass wir es langsamer angehen, gerade so viel weniger, wie nötig ist, um uns mit dem glücklich zu schätzen, was wirklich wichtig ist. Um wieder zu den Wolken hochsehen zu können. Zu gesunden Wolken ohne Luftverschmutzung. Wolken wie die, die der piemontesische Dichter Nino Costa dort angesiedelt hat, wo sie hingehören: an oberster Stelle im Leben eines Menschen.

Forse vojautre, nìvole sorele,
lo seve ‘l mè rìgret andoa ch’a l’è.
Ma ‘ntant ch’i guardo ‘l vent com’ av radun-a
e ‘l sol ch’av fa pié feu come un brazé,
sì ch’am n’an fa se j’autri a fan fortun-a,
se am passo anans e am lasso mi ‘ndaré.
Quand ch’aj rivrà l’ora pi granda: l’ùltima,
e ch’am ciamran lòn ch’i l’hai fait ëd bel,
mi rispondrai ch’i l’hai guardà le nìvole:
le nìvole ch’a van… travers al cel.

(Vielleicht wisst ihr, oh Wolkenschwestern,
wo mein Bedauern steckt.
Doch während ich zusehe,
wie der Wind euch zusammentreibt
Und die Sonne euch in Flammen versetzt wie ein Feuerbecken,
was kümmert’s mich, wenn die anderen reich werden,
mich überholen und auf dem Weg zurücklassen.
Denn wenn die größte Stunde schlägt: die letzte,
und ich berichten soll, was ich Schönes getrieben habe,
dann sage ich: den Wolken zugesehen:
Den Wolken… die über den Himmel ziehen.)