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Donnerstag
18 Juni 2020

Vertrauen wir auf die Geduld der Berge

Enrico Baccanti ist Bergführer und schon lange unser Freund. Wir haben ihn als jemanden, der sein ganzes Leben mit den Bergen verbracht hat, um ein paar Gedanken zu den Bergen gebeten.
Giulan, Enrico!

Die Berge und die Kindheit
Ich bin ein Stadtkind, wurde in Genua geboren, und meine erste Begegnung mit den Bergen fand in meiner Kindheit statt. Mit der Familie verbrachten wir die Ferien in den Dolomiten. Zum Bergsteigen bin ich auf eine Weise gekommen, wie sie wahrscheinlich typisch ist für Kindheit und Jugend. In den Sommerferien habe ich mit Klettern angefangen, habe mit den Bergführern aus dem Fassatal die ersten Felswände unsicher gemacht, speziell mit einem jungen Freund von damals. So hat sich mir allmählich eine Dimension eröffnet, die ich mit den Jahren immer spezieller und faszinierender fand.

Die Berge und der Beruf
Ich habe den klassischen Weg eingeschlagen. Habe die italienischen, Schweizer und französischen Alpen für mich entdeckt, bis ich irgendwann mit dem Gedanken spielte, den Alpinismus zu meinem Beruf zu machen. Einem Beruf, der mir erlauben würde, die Berge in ihrer Gesamtheit zu leben. Im Alter von 26 Jahren bin ich Bergführer geworden und nach Corvara gezogen.

Die Bergen und das Reisen
Ich bin ein Bergführer modernen Zuschnitts, das heißt, ich bin auch außerhalb der Dolomiten unterwegs. Montblanc, Monte Rosa, die Schweiz, Island, Norwegen, der Ätna, die Abruzzen oder Nepal – ich bin ziemlich rumgekommen, aber stets mit einer eindeutigen Idee dahinter: eine tiefe Beziehung zu meinem Land aufrecht zu erhalten. Die Berge und das Business Natürlich kann man diesen Beruf auf ganz verschiedene Arten ausüben. Manche organisieren Reisen, Trekkings, Expeditionen, manche sind in Kenia unterwegs, andere sehen die Berge überhaupt nur noch als Geschäftsmodell. Von Bergführern im klassischen Sinne ist kaum noch die Rede; viele betrachten sich jetzt als Alpinunternehmer, Reiseveranstalter, Manager mit entsprechenden Qualitäten, denen aber der Kontakt mit der Natur verloren geht. Und den braucht man in den Bergen. Die Berge als Beruf können in meinen Augen nicht nur Business sein. Das geht gar nicht. Sie sind eine Arbeit, die du nur mit Liebe und aus vollem Herzen tun kannst, denn wenn man die Berge nur als Beruf sieht, haben sie gar keine besonderen Eigenschaften mehr. In die Berge zu gehen ist eine Kunst, und – wie der große Trentiner Bergsteiger Cesare Maestri augenzwinkernd gesagt hat – immer noch besser, als arbeiten zu müssen!

Die Berge und die Modernität
Wir lieben die Berge als physische Realität und weil sie eine Dimension darstellt, die sich aus verschiedenen kulturellen Bedeutungen zusammensetzt. So, wie wir die Berge heute verstehen, sind sie ein Produkt der modernen Zeiten, die einen vormals abweisenden, harten, vernachlässigten und mühsamen Ort irgendwo am Rande der Gesellschaft in ein ideales Umfeld verwandelt haben. Von Aufklärung und Romantik haben wir ein Schönheitsideal der Berge geerbt, in das die Kunst des Alpinismus, der Entdeckung, des Abenteuers gut hineinpassen. Und wenn bis vor gar nicht allzu langer Zeit die Berge die ganz große Begeisterung nur in einem sehr limitierten Bevölkerungskreis hervorrufen konnten, so haben wir es heute mit einer enormen touristischen Anziehungskraft zu tun, speziell im Winter, die das alte Bewusstsein vernichtet und die epische Bedeutung aufgelöst hat.

Die Berge und die Gegenwärtigkeit
Heute ist das Matterhorn, das die englischen Alpinisten einst den “edelsten Felsen Europas” nannten, nichts anderes als die Mona Lisa, die Uffizien in Florenz oder Venedig mit den riesigen Kreuzfahrtschiffen – ein Ort, den man anguckt, fotografiert und dann wieder geht. Das gilt auch für die Drei Zinnen oder den Pragser Wildsee. Der Postkarten-Tourismus ist ein Kind unserer Tage: Es gibt kein organisches Herangehen mehr an die Dimension des Ganzen; gesucht wird nur die schnelle Bestätigung dafür, dagewesen zu sein, validiert durch das x-te Foto, wo man nicht einmal mehr hinschauen muss, wenn man es schießt. Niemand interessiert sich mehr für die Eigenschaften des Ortes selbst. Was zählt, ist dass der Ort wichtig ist und dass man sein Dortgewesensein teilen kann.

Die Berge und die Unesco
Seit die Dolomiten zum Unesco-Welterbe zählen, haben sie eine Form des Tourismus vorangetrieben, den es so zuvor nicht gegeben hatte. Die Infrastruktur für diesen Tourismus ist vor allem wirtschaftlich gedacht und Teil eines riesigen und komplexen Räderwerks, in dem ein Bergführer wie ich nur eine winzige Schraube darstellt. Ich weiß nicht, ob hinter all dem eine echte Perspektive, eine Vision steckt. Was ich dagegen weiß, ist dass es immer der Mächtigste ist, der die Bedingungen diktiert. Man braucht sich ja nur den alpinen Skilauf anzusehen, der sich in seinen intensivsten Formen wie ein künstlich erzeugtes Konstrukt ausbreitet, das überhaupt nicht mehr in einem harmonischen Verhältnis zu den Bergen steht. Klar, das natürliche Umfeld sieht immer noch toll aus, ist aber nicht mehr als Kulisse. Die Pisten sind wie glattpoliert, kein einziger Buckel darf mehr stören. Überall stehen Wegweiser und Schilder zu den nächsten Hütten. Man muss sich gar nicht mehr orientieren oder über alpines und skifahrerisches Können verfügen, um in diesen Bergen unterwegs zu sein. Jeder, der auch nur halbwegs auf seinen Skiern stehen kann, kommt ganz entspannt ins Tal hinunter.

Die Berge und der Spielplatz
Die Unesco schimpft mit den Japanern, die zu den Drei Zinnen fahren und dann doch nur in ihr Handy gucken. So wie eine ganze Reihe anderer Ausflügler, die die Dolomiten früher nie auf dem Zettel hatten, vor allem aus englischsprachigen Ländern wie den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Neuseeland, aber auch aus Skandinavien. Das Risiko, zu einer Art Spielplatz zu verkommen, ist sehr hoch, und zwar wegen dieser grundlegenden touristischen Dynamik, in der Gewinn nur in Zahlen gemessen wird. Ob dieser Prozess gestoppt oder modifiziert werden kann, hängt von den wirtschaftlichen Akteuren der Berge ab, die heute über alles verfügen: über Macht, Kommunikation, Infrastrukturen. Aber diese Alpen-Unternehmer bräuchten ein kulturelles Umdenken, das von Politik, Gesellschaft und Verwaltung mitgetragen und verbreitet werden müsste. Dafür gibt es Anzeichen, aber leider nur schwache.

Die Berge und der Verkehr
Die Sprachminderheiten in den Alpen – nicht nur die Ladiner, auch die Walser oder die Okzitaner beispielsweise – schrumpfen zu reinen Folkloregruppen zusammen, wenn die Idee echter, authentischer Berge nicht aufrechterhalten wird. Was nötig wäre, sind unterirdische Parkplätze, eine anderes Verkehrsmanagement und Alpenpässe, die dem nötigen Überqueren der Alpen dienen und kein motorisiertes Ausflugskarussell sind. Gebraucht werden mutige Lösungen, keine kurzsichtigen. Es ist offensichtlich, dass es so wie jetzt nicht mehr weitergehen kann. Der Pragser Wildsee ist ein warnendes Beispiel, die totale Hölle. Ein kleines Juwel hat sich in einen enormen Parkplatz verwandelt; sogar ein Kreisverkehr musste angelegt werden, um den Autoverkehr von und nach Toblach in den Griff zu bekommen. Selbst die Unesco hat sich zum Thema zu Wort gemeldet. Um eine wirklich zukunftsorientierte Transportkultur zu installieren, braucht man aber ein anderes Bewusstsein als das, das heute verbreitet ist. Dabei gäbe es funktionierende Beispiele gar nicht weit weg. Man muss nur mal in der Schweiz in die Jungfraubahn oder den Bernina Express steigen, um zu sehen, was alles möglich ist.

Die Berge und die Zukunft
Vertrauen wir auf die Geduld der Berge.