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03 Juni 2020

Der Wacholder in den Bergen

Wie ein Fleckenteppich aus vielen grünen Stückchen duckt sich der Wacholder flach über unsere Berge, zwischen Wiesen und Felsen, als wolle er die Berge vor rücksichtslosen Wanderleuten beschützen. Er ist ein Strauch mit kleinen, nadelförmigen und stacheligen Blättern, der im Frühjahr blüht und uns später mit seinen überaus heilsamen Beeren beschenkt. Seit ewigen Zeiten sind die narkotisierenden und heilenden Eigenschaften dieser braunschwarzen Beeren bekannt. Manchmal mögen sich Wacholderbüsche gegenseitig so sehr, dass sie mit unübersehbarer Leidenschaft ganz eng zusammenwachsen und ihrer Äste derart untrennbar miteinander verflechten, dass kein Durchkommen mehr ist. Das hat zu dem italienischen Begriff cacciarsi in un ginepraio geführt, mit dem man ausdrückt, dass sich man in einer schwierigen Situation befindet, aus der man nicht mehr so leicht herauskommt. Der Wacholder macht den Eindruck einer dickköpfigen Pflanze, und doch hat er seine Feinheiten. Vielleicht, weil er (der „Dornbusch“) von der Jungfrau Maria gesegnet wurde, die bei ihm auf der Flucht aus Ägypten, mit dem kleinen Jesus und Josef, dem Zimmermann, Zuflucht fand. Der Wacholder tritt auch häufig im Volksglauben und in alten Geschichten auf, denn die Bauern früher glaubten, dass er böser Geister fernhalten konnte. Deshalb stecken heute noch Wacholderzweige an den Stalltüren – so bleibt das Vieh gesund! Aus Wacholderholz werden auch gerne Küchenutensilien geschnitzt, so dass das zarte Aroma des Holzes sich auf die damit zubereiteten Gerichte überträgt. Ein Beispiel ist der große Kochlöffel, mit dem stundenlang die Polenta gerührt wird. Der Wacholderbusch dient manchen Tieren als Zuflucht, und es gibt Vögel, die es schätzen, wenn seine harten, dünnen Blätter in die Krallen stechen. Man findet den Wacholder im Mittelmeerraum und in den Dolomiten; deshalb lieben wir ihn ja so. Man braucht nur zu einer Bergwanderung aufzubrechen, den bleichen Felsgipfeln entgegen, und sobald man aus dem Bergwald tritt, liegt er schon da: als dunkelgrünes Fleckenwerk, ein Teppich für die Götter, die in den Felsen wohnen. Ein hinreißender Anblick, immerzu und jedes Mal aufs Neue.