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01 Juni 2020

Das Telefon, der Nicht-Ort par excellence

Wir haben die innersten Freuden nicht mehr wertgeschätzt und dafür unsere Gelüste hochgefahren und das Glück digitalisiert.
Wir waren orientierungslos, haben die Tugend der Einfachheit vergessen. Die Einfachheit eines Lächelns, einer Umarmung, die schlichte Aufmerksamkeit und die Bedeutung einer ganz wesentlichen Handlung: der Kontemplation. Die Achtsamkeit gegenüber uns selbst, gegenüber jedem einzelnen Moment. Denn der achtsame Mensch ist sich nicht nur bewusst, was er macht, sondern auch seiner Position im Universum und seines Verhältnisses zum anderen. Er sieht die Welt gewissermaßen von oben – mit kosmischer Wahrnehmung und aus einer anderen Perspektive.

Wir haben es versäumt, unsere Seele achtsam wahrzunehmen. „Keine Zeit!“.

Nie war Zeit, gestresst, wie wir unterwegs waren. Doch dann kamen diese letzten Monate, in denen die Zeit auf einmal stehenzubleiben schien, in der sie ganz zu unserer Verfügung stand, in der wir die Möglichkeit hatten, nachzudenken, ganz bei uns zu sein, zu staunen. Und, haben wir es getan? Oder haben wir diese Zeit nur genutzt, um uns mit unseren realen und virtuellen Freunden über ein Handy-Display zu verbinden? Tja, das Telefon. Was einst nur dazu diente, die Stimme anderer Menschen zu hören, setzt heute als Instrument Meilensteine. Blitzschnell übermittelt es Informationen und gaukelt uns vor, dass Wissen nur einen Klick, ein Wischen, entfernt ist. Wäre das Handy dagegen wirklich gescheit, dann würde es uns mitteilen, dass das, was wir für Wissen halten, in Wirklichkeit nur eine ungeordnete Pseudo-Bildung auf ethischem, wissenschaftlichen, medizinischem und literarischem Gebiet ist.

Wenn wir also ein Instagram Live-Streaming zum Beispiel des italienischen Starfotografen Oliviero Toscani angucken, ohne je irgendetwas über Man Ray gelesen zu haben oder eine Ahnung von dem humanen Einsatz haben, der hinter den Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Sebastiao Salgado steckt, dann kann das ein netter Zeitvertreib sein. Wir fühlen uns irgendwie „dabei“ und dürfen auf die bunte Oberfläche der Welt der Bilder sehen. Doch was wir dabei zu lernen meinen, kann sich als irreführend erweisen. Denn viele von uns haben verlernt, Dinge richtig zu lesen, und es besteht die Gefahr, dass wir einer subjektiven Weltsicht anheimfallen, einem letztlich sehr reduzierten und einseitigen Blickwinkel. Wenn auf meinem Handy-Display immer nur Push-Mitteilungen aus den Nachrichten des Fernsehsenders La7 aufpoppen, wo es über Wochen, ja Monate hinweg immer nur um Zahlen, Statistiken und Todesfälle ging, dann kann ich schnell die objektive Perspektive auf eine Welt verlieren, die es schließlich nicht erst seit Ende Februar 2020 gibt. Mit unseren Handys schaffen wir eine Westentaschenversion der Welt. Ein Konzentrat aus Illusionen, das uns bestätigt, dass wir am Leben sind und in der richtigen Realität leben. Eine Realität, die ganz unterschiedlich aussehen kann, je nach dem Moral- und Sittenverständnis, das wir anlegen, wobei diese sich nicht widersprechen, sondern parallel zueinander existieren. Das Telefon ist die Summe vieler Dinge: Wünsche, Zeichen, Sprachen, Gefühlsausbrüche, Egozentrik, Herzchen und Likes. Und Orte, an denen die Menschen sich anschicken, ihre eigene Einsamkeit zu kommentieren.

Apropos Orte: Das Telefon ist heute ein Nicht-Ort par excellence. Der Nicht-Ort des Individuums.

Als der französische Anthropologe Marc Augé in den 1990er Jahren die sogenannten Nicht-Orte definierte, verstand er darunter ganz konkrete Orte: gigantische Flughäfen oder Einkaufszentren, durch die sich eine Vielzahl von Individuen wie Gespenster bewegten. Diese Gespenster waren wir. Heute sind wir die Gespenster, die ihre eigene Existenz mit gesenktem Blick und diesem Ding in der Hand durchqueren. Das Handy als illusorische Lebensprothese. Es stimmt schon, das Telefon lässt uns Emotionen spüren, doch die sind nicht zu verwechseln mit echtem Zusammensein, mit echter Verbindung. Denn zu Verbindungen gehören Gefühle, und Gefühle kann das Telefon nicht kreieren. Das Smartphone kann dafür sorgen, dass wir uns weniger einsam fühlen, wir können Worte damit wechseln, sie schnell hinwerfen, ohne großes Gewicht. Wir können damit echte Wünsche austauschen, perverse Fantasien und alle möglichen Geschichten, ob sie nun wahr sind oder falsch. Aber das darf nicht alles sein!

Es ist extrem wichtig, die Dinge und Menschen zu suchen und zu erkennen, die in diesem vor allem für junge Menschen als ganz wichtige Parallelwelt existierendem Kosmos wirklich echt sind. Diese Digitalwelt wollen wir nicht verteufeln, sondern sie einfach von jener anderen abgrenzen. Wir wollen doch nicht die Fähigkeit verlieren, einfach nur und ganz ohne digitale Ablenkung einen Sternenhimmel zu bewundern.

Es bringt nichts, sich im Versuch, der Innovation zu entkommen, weiter wild entschlossen eines alten Nokias zu bedienen – so wie es der Verfasser dieser Zeilen tut – wenn man die intellektuelle Fähigkeit besitzt, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden.

Ich muss gestehen: Auch ich habe Instagram für mich entdeckt. Ich habe die schönsten Dinge darauf gesehen und den größten Müll. Ich habe wütende Menschen gefunden und verstanden, dass wir zwar seit Jahrzehnten von Umweltzerstörung sprechen, dass der wahre Krieg jedoch der der digitalen Technologien sein könnte, die Fehler am laufenden Band produzieren und dabei ganze Metropolen lahmlegen. Und noch etwas ist mir klargeworden: Die meisten von uns könnten nie auf ihre digitale Welt verzichten. Ich ahne, dass vielen Menschen eine Telefonkrise bevorsteht, eine Art Überdosis und ihre Folgen. Ich denke dabei vor allem an die jungen Menschen, denn hauptsächlich sie sind es, die auch unsere echte, physische Präsenz brauchen. Mit Müttern, die auf ihrem Tablet Video-Lektionen verfolgen und Vätern, die von einer Video-Konferenz in die nächste schalten, dürfte es für die Kinder schwierig geworden sein, die reale von der nicht-realen Welt zu unterscheiden.

Das Konzept des Smart Working, wie wir in Italien das Home Office nennen, erscheint mir daher eher ein invasives Hard Working, das jeder Form von Privatsphäre den Finger zeigt.

Wo ist denn nun eigentlich die Zeit geblieben, von der wir anfangs gesprochen haben? Die Zeit, die stehengeblieben war in den letzten Monaten, die wir auf einmal zur Verfügung hatten, was ist aus ihr geworden? Das Produkt unserer reduzierten Aufmerksamkeit werden in der digitalen Welt verlorene, verschlossene Halbwüchsige sein, ängstlich und zerbrechlich wie chinesische Teetassen, und dazu Gespenster-Erwachsenen, die ihre Führung übernehmen.
Zum Glück wird es immer noch viele Junge und viele Alte geben, die trotz der immer stärker präsenten virtuellen Realität Lust haben, im echten Leben ein Bier trinken zu gehen, ein Stout in der Biraria Murin, wo man gemeinsam im Garten sitzt und sich des guten, alten, analogen Lebens freut. Menschen, die das Handy eine Zeitlang einfach nicht beachten. Auch ich habe große Lust, die alte Lärche zu umarmen und die Menschen wieder fest an mich zu drücken. Wenn mein letztes Instagram Live Streaming vorbei ist, werde ich zu denjenigen gehören, die ihr Handy in irgendeiner Schublade verschwinden lassen. Um noch mehr Mensch zu sein.

Michil Costa