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Donnerstag
04 Juni 2020

Berg-Splitter

Illustration von Séverine Dietrich

Der italienische Philosoph und Politiker Massimo Cacciari ist ein Freund des Hauses, der uns immer wieder besucht. Wir haben ihn um ein paar kurze Gedanken zum Thema Berge gebeten, die er uns liebenswürdigerweise geschickt hat. Wir freuen uns sehr, sie in unserem Tagebuch veröffentlichen zu können. Giulan und alles Gute zum Geburtstag, lieber Professor!

Die Berge als Park.
Die Berge werden sich nie auf einen Park mit Museumscharakter reduzieren lassen. Dieses Schicksal kann den Städten im Tal, unten in der Ebene drohen. In den Bergen aber gibt es immer eine offene Seite, und zwar nach oben. Es gibt Menschen, die darauf bestehen, die Berge auf einen „Naturpark“ reduzieren zu wollen. Aber die Berge sind einfach nur Natur und werden stets die Grenzen eines „Parks“ sprengen. Und Natur heißt knospen, heißt wachsen, heißt sich frei und unvorhersehbar entwickeln. Natur ist ein Partizip Futur. Der „Park“ ist ein Zustand der Dinge. Die Berge dagegen sind, wie die Dinge sein werden.

Berge als Aufstieg.
Ja, in den Bergen geht es bergauf. Auch die Abstiege sind notwendig, aber sie sind nicht Berg. Beim Absteigen musst du schauen, wo du deine Füße hinsetzt, da hältst du den Blick gesenkt. Beim Aufsteigen dagegen gewöhnt sich dein Atem Schritt für Schritt an die Anstrengung und du kannst frei nach oben blicken. In Höhen, die du nie erklettern können wirst.

Berge als Purifikation.
Nein, die Berge sind nicht die Berge gewisser Lehrmeister der Vergangenheit, die, sobald sie den Gipfel erreicht hatten (oder ihn erreicht zu haben glaubten), auf das mühselige Treiben der armen Sterblichen dort unten im Tal herabsahen. Die Berge verabscheuen eine derart hochmütige Anmaßung. Wer hochsteigt, kommt von unten und bringt die Mühsal mit sich, in sich. Er lässt sie nicht unterwegs liegen und macht sich nicht vor, sie vergessen zu haben. Lieber reinigt er sie und wappnet sich, ihr künftig mit mehr Mut zu begegnen.

Berge als Freundschaft.
Meine Freundschaft mit Michil ist eine Freundschaft der Berge, auch wenn in letzter Zeit ein Hauch Val d’Orcia mitschwingt. Was das bedeutet? Dass es eine Freundschaft ist, die auch dann bestehen würde, wenn wir uns nie sehen würden. So wie zwischen benachbarten Bergen. Bergen, die dicht nebeneinanderstehen, wie die Gipfel der Dolomiten, und doch fest und sicher in sich selbst ruhen, jeder mit seinem eigenen Gesicht, mit seiner eigenen Legende. Eine Freundschaft, die voller Scheu ist, Klarheit, Wertschätzung und gegenseitigem Respekt. Auch Schweigen gehört dazu, jenes Schweigen, das uns erfüllt, wenn der Weg steil wird und die Berge uns aufnehmen.