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02 Juni 2020

Ave Maria, voll der Gnade und der Energie

Ein Titel bei der Straßen-WM, zwei Tour de France, ein Giro d’Italia: Keine schlechte Bilanz für eine, die erst im Alter von 32 Jahren mit dem Profiradsport angefangen hat. Wobei sie davor schon Einiges im Langlauf gewinnen konnte: zehnmal die Marcialonga und einmal den Wasalauf. Die Ladinerin Maria Canins aus dem Gadertal ist nicht nur eine der „gewinnendsten“ Frauen der italienischen Sportwelt, sondern auch ein echtes Naturphänomen. Und zwar eines, das selbst vor der Natur größten Respekt hat. Ihr Leben ist wie ein Radrennen aus harten Quälstücken, schweißtreibenden Anstiegen und schwindelerregenden Abfahrten. Immer auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Tragödie. Maria ist die jüngste von vier Schwestern, von denen die älteste nach einer Narkose nicht mehr aufwacht, die zweitälteste mit 17 nach München auswandert und nicht wieder zurückkommt und die dritte, ihre Zwillingsschwester, schon bei der Geburt stirbt. Ihr Vater ist Jahrgang 1900, hat das Gymnasium in Österreich besucht. Der Onkel wollte, dass er Pfarrer wird, doch er schlug einen ganz anderen Weg ein und arbeitete als Uhrmacher, als Kellner, als Straßenfeger und Carabiniere. Marias Mutter war Hausfrau, nachdem sie als Dienerin – so sagte man damals – für andere Familien gearbeitet hatte. Maria besucht die Volksschule und fängt dann an, in Hotels zu arbeiten. Dann schafft sie es zurück auf die Schulbank und macht den Mittelschulabschluss mit Mitschülern, die fünf oder sechs Jahre jünger sind als sie. Man sieht sie nie ruhig irgendwo sitzen; stets ist sie am Laufen oder Rennen, am Springen, Skifahren oder Skirennen, und irgendwann entdeckt sie das Fahrradfahren für sich. Mit Mühe klettert sie auf das Rad ihres Vaters. Sie entdeckt, dass sie schnell ist mit dem Fahrrad, vor allem bergauf, bis ihr jemand sagt, dass sie sich noch viel mehr anstrengen muss. Ein Hotelier schenkt ihr zur Hochzeit ein Bianchi-Fahrrad. Und eines Tages besucht Franco Nones, der Langlauf-Olympiasieger, mit ihr zusammen die italienische Radsport-Legende Francesco Moser. Endlich findet Maria „ihr“ Fahrrad. Aber auch im Langlauf ist sie stark. Sie gewinnt drei präolympische Qualifikationen, wird aber nicht in die Nationalmannschaft aufgenommen. Sie ahnt, dass da irgendetwas nicht stimmt, dass es etwas gibt, das sie nicht wissen darf. Doch Maria gewinnt trotzdem: im Langlauf zehn Marcialongas hintereinander sowie den Wasalauf, den sie als erste Italienerin gewinnt. Auf dem Fahrradsattel dagegen den Giro d’Italia und zwei Tour de France, italienische Meisterschaften im Zeitradfahren und Eintagesrennen, Olympiamedaillen und Weltmeisterschaften, auf der Straße und mit dem Mountainbike. Sport ist für sie etwas, das über den Wettkampf, den Sieg, die Medaille hinausgeht. Sport ist für sie eine Welt, in der sie sich lebendig fühlt, sich selbst übertrifft, sich findet, in der sie leidet, um schließlich glücklich zu sein. Eine Welt, die kein Doping braucht. Schon gegen Massagen hat sie sich immer gewehrt. Maria sagt, dass sie wenn, dann ein Doping gebraucht hätte, das sie langsamer macht. Maria ist eine gläubige Frau; sie spürt, dass sie jemanden braucht da oben, der ihr auch zur Seite steht, auch heute, wenn sie immer noch läuft, rennt, radfährt und skiläuft. Maria braucht aber auch die Natur, und zwar ständig. Die Natur als Energiequelle, auch um den Schmerz zu bekämpfen, den der Verlust ihres Manns Bruno ihr zugefügt hat: Bruno ist beim Radfahren gestorben. Und so ist Maria weiter in der Natur unterwegs, mit Wanderschuhen, auf Skiern oder auf dem Fahrrad. Hier kann sie beten, kann sie wieder Frieden und Freiheit finden. Denn Maria ist ein Naturphänomen.