This is not a cliché.

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01
Samstag,
01 Juni 2019

Die Landschaft ist ein großzügiges Angebot. Lasst es uns nicht verschwenden.

Wir leben in einem wunderbaren Land. Bei uns gibt es so viel Schönheit, dass uns die ganze Welt beneidet. Die Engländer und Franzosen haben ihre Hauptstädte, haben die mittelalterliche Wunderwelt Strasbourgs, die faszinierenden Mittelmeerstädte Nizza und Marseille. Bei uns seufzt man in Venedig, sieht Neapel und stirbt, steht in Rom in der Caput Mundi. Dazu die Renaissance-Perlen Mantua, Siena und Florenz, und so könnte es ewig weitergehen. Wenn die Norweger ihre Fjorde haben, so haben wir den Monte Argentario, den Golf der zwei Meere, die Blaue Grotte. Auf der Osterinsel beschützen die Moai das Land und ihre Bewohner, aber die „Piscina di Dio“ vor der herrlichen Isola dei Conigli, die Grotte della Poesia in Lecce, der Golf von Triest sind mindestens ebenso schön! Auf Island schießen Geysire heißes Wasser in die Luft, während bei uns Papst Pius II. die Thermen von Petriolo besuchte und die von San Filippo. Wir haben auch die Schwefelbäder von Vulcano in Sizilien, und wo wir schon dabei sind: In England mögen sie auf die römischen Bäder von Bath stolz sein, aber wir haben Tettuccio in Montecatini, San Pellegrino, Levico Terme und das monumentale Thermalbecken von Bagno Vignoni – also steht es mindestens zehn zu eins für uns! Auf den Fidschi-Inseln gibt es einen berühmten Vulkan, okay, haben was ist der gegen Stromboli, Vesuv und Ätna? Sind die großen amerikanischen Nationalparks wirklich schöner als die Bauxit-Grube von Otranto, wo ein smaragdgrüner See zwischen feuerroten Felsen schimmert? In der Schweiz ist der Preis für einen Kaffee so hoch wie das Matterhorn. In Australien steht der Ayer’s Rock, in Kalifornien der El Capitan. Und bei uns? Die Dolomiten.
Shakespeare steht über allen Dingen, aber Verona war die Stadt, in der sich Romeo und Giulia liebten und ihrem tragischen Schicksal entgegengingen. Goethe ist unsterblich. Aber was ist mit unserem Leonardo, mit Dichterfürst Dante? Alle kennen Pinocchio, aber nur wenige den ihn gewidmeten Park in der Toskana. In England gibt es Glastonbury Tor, wir haben Pompeji. Den Lago Maggiore und die Borromäischen Inseln. Capri. Den Gargano. Und immer wieder Sizilien. Die Menschen bezahlen, um sich die Augen zu reiben oder um sich zu erholen. Wer reist, stirbt vor Neugierde. Will die Tomaten von Pachino probieren und den piemontesischen Castelmagno, einen der besten Käse der Welt.

Doch während der Pariser Louvre erfolgreich mit den Vereinigten Staaten und den Arabischen Emiraten zusammenarbeitet, finden wir noch nicht mal Sanmartinos „Verhüllten Leichnam Christi“ in Neapel, und die herrlichen Goldschmiedearbeiten der Magna Grecia in Taranto werden nicht annähernd so präsentiert, wie sie es verdient hätte.

Das Gleiche gilt für die Bronzestatuen von Riace, für Pompeji. Touristen bezahlen nicht, um reingelegt zu werden. Sie geben kein Geld dafür auf, um von Autos auf italienischen Zebrastreifen umgefahren zu werden, um all die hässliche illegale Zersiedelung an unseren Küsten sehen zu müssen. Denn neben der Schönheit machen sich leider auch Trostlosigkeit und Vernachlässigung in unserem Bel Paese breit. Zeugnisse unzivilisierter Geisteshaltung verunstalten die Menschen selbst. Denn leider gewöhnt man sich an das Hässliche. Italien ist das größte Museum der Welt, und die Touristen zahlen, um ihren Hunger nach Schönheit zu stillen: Sie wollen entspannt durch die schönsten Kunststädte der Welt bummeln, sie wollen die Wegweiser verstehen und nicht auf dreckigen Bürgersteigen Slalom laufen, auf denen die Einheimischen sorglos ihre Chipstüten und Zigarettenkippen entsorgen. Was in Singapur übrigens praktisch mit Peitschenhieben bestraft würde!
Anderswo auf der Welt kümmert man sich um seine Touristen. Bei uns kümmert man sich eher wenig, jedenfalls gemessen an unserem touristischen Angebot. Vernachlässigung stößt Touristen ab und entmenschlicht die Orte, in denen wir leben. In zivilisierteren Gesellschaften als der unseren wird der Tourismus als etwas betrachtet, das sich auch an die Einheimischen richtet. Wir sind ein Land, das alle lieben, wo alle hinwollen, von dem alle träumen, das von Fellini, Boccaccio, Petrarca, Fellini und Rossellini beschrieben und gefilmt wurde. Noch gibt es bei uns (Kunst-) Handwerk von größter Qualität, angefangen von den Geigenbauern von Cremona über die Schäffler bis hin zu den Spitzenklöpplern von Burano. Wir haben das beste Essen der Welt, imitiert von allen anderen, die damit sehr viel mehr Geld verdienen als wir selbst. Wir haben wunderbar funktionierende Agriturismi, Tausende kleiner Betriebe und Familien, die sich engagieren. Wir haben große Traumhotels wie das San Pietro in Positano, das Pellicano in der Toskana, die Villa d’Este am Comer See.

Wir sind ein kreatives Volk, doch unsere Unternehmen verkaufen wir an ausländische Investoren.

Dabei besitzt das Made in Italy immer noch eine große Anziehungskraft. Und wir? Stehen da und überlegen, was wir in Zukunft machen wollen. Bei all dem, was wir Großartiges haben – wieso fehlt uns ausgerechnet das Zugehörigkeitsgefühl zu unserem Bel Paese? Ich fürchte, dass wir uns selbst nicht genug mögen. Wir kümmern uns nicht genug um unser Land. Wir verhalten uns wie blutige Anfänger. Wir selbst glauben nicht an uns, und auch die Politik tut das nicht.
Einem völlig überfüllten Venedig, einem Südtirol mit mehr als 33 Millionen Übernachtungen pro Jahr, die in dieser Menge Landschaft und Identität schädigen, steht die Region Molise gegenüber, mit 40.000 Übernachtungen Beispiel für völliges Versagen. Sizilien kommt mit seinen 1.600 Kilometern Küste auf 7 Millionen Übernachtungen im Jahr, im Gegensatz zu den Kanarischen Inseln, die weniger (und weniger schöne) Strände haben, aber 70 Millionen Übernachtungen pro Jahr.
All diese italienische Schönheit, die wir so intensiv genießen können, macht mir letztlich aber auch ein wenig Angst. Denn sie führt dazu, dass Rom weniger Caput als viel mehr kaputt ist , dass unser reiches Angebot uns arrogant macht. In Brüssel gibt es ein Bikesharing, das in der ersten halben Stunde kostenlos ist. In unserer Hauptstadt dagegen? Wurde sämtliche Bikes geklaut. Die Touristen fahren nach Amsterdam, wo jeder radelt und keiner mehr Auto fährt. In China haben sie ein künstliches Hallstatt errichtet; in Las Vegas kann man die Markuskirche besichtigen, und vielleicht sollten wir den Japanern vorschlagen, in Tokyo eine fernöstliche Version des Palio von Siena zu veranstalten? So könnten wir sie dazu einladen, unsere Städte zu besuchen. Doch erst einmal müssten wir uns auf ihren Besuch vorbereiten. Verstehen, wer diese Touristen sind, sie dazu erziehen, nicht in Badehose und Schlappen durch unsere Altstädte zu schlurfen. Und nicht auf Take-away-Cappuccino zu bestehen – der ist bei uns nunmal nicht üblich.
Wir müssten nicht einmal etwas erfinden. Wir haben ja schon alles. Wir sind die Zusammenfassung von 2000 Jahren Geschichte, die es verdienen, gewürdigt, richtig kommuniziert und noch besser gemanagt zu werden. Es ist eine Frage der Erziehung (und der Selbst-Erziehung). Das Bewusstsein der „Grande Bellezza“, einem Gemeingut, beginnt bei uns Bürgern. Dann also los! Krempeln wir die Ärmel hoch und schenken wir unserem Land die Gastlichkeit, die es verdient: „Willkommen in Italien, willkommen im Bel Paese!“


*Zu diesem Text hat mich das Buch „Rifondare l'Italia sulla bellezza“ von Emilio Casalini inspiriert.

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