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01 Februar 2021

Im Zwischenland

Wir hier in den Südtiroler Bergen leben nicht nur in einem Grenzgebiet, sondern auch in einem „Zwischenland“. Als Bewohner von Südtirol-Alto Adige – und als Volk, das ein „Zwischenland“ bewohnt, sollten wir tatsächlich auch beide Bezeichnungen verwenden – schwanken wir zwischen Innovation und Tradition, zwischen Moderne und tiefer Vergangenheit, zwischen Lust auf wasserstoffbetriebenen Fortschritt und urigen Lederhosen, wie ich sie so gerne trage. Bei uns existieren unzählige Bergbauernfamilien, die ihre Weiden pflegen wie andere Leute ihren Vorgarten, neben Turbo-Agronomen aus dem Flachland, die industrielle Viehzucht betreiben. Wir haben multinationale Konzerne (wenige) und holzgetäfelte Gasthöfe (viele).

Unseren patriotischen, ultrakonservativen Schützen, die in Andreas Hofer immer noch den Helden der Aufklärung sehen und die im Geiste nach wie vor einen permanenten Widerstandskrieg betreiben (der damals übrigens auch ein Kampf gegen die revolutionäre, aufklärerische Moderne war), stand die Hutfeder zu Berge, als sie feststellen mussten, dass ihr Landeskommandant Jürgen Wirth Anderlan ohne ihr Wissen ein gewisses Video gepostet hatte. Anderlan, ein Anhänger des vor 210 Jahren in Mantua hingerichteten Freiheitshelden, hat mit seinem Video, in dem er einerseits die Heimat feiert und gleichzeitig ein alles andere als feines Vokabular verwendet, und mit seinem Protagonismus die Traditionalisten unter den Schützen in Aufruhr versetzt. Nachdem er zwar einerseits frischen Wind in die Bewegung gebracht, aber anderseits Menschen beschimpft hatte, die in Greta Thunberg ein Symbol für Hoffnung und Mut sehen, blieb dem Neo-Hofer, der Tattoos und Harley Davidsons liebt und dazu langen Bart und komödiantenhaftes Lächeln trägt, keine andere Wahl, als von seinem Posten als Landeskommandant der Schützen zurückzutreten.

Unsere Südtiroler Mitte-Rechts-Regierung besitzt keine klare Zukunftsvision.

Sie hört auf Bauern, die sich der ungesunden Massenproduktion verschrieben haben, und auf Hoteliers, die immer mehr Land fressen wollen, um immer mehr Zimmer zu verkaufen. Ehrfürchtig lauscht die Regierung der deutschsprachigen extremen Rechten, die gegen mehrsprachige Schulen ist. Als wären die nicht normal in einem zivilen (mehrsprachigen) Land. Sie säht Frustration, um als Folge davon noch viel mehr Frustration zu ernten. Wenn wir dann noch bedenken, dass viel zu viele unserer kostbaren Corona-Impfdosen von den impfberechtigten Mitarbeitern des Gesundheitssektors abgelehnt wurden, dann bekommen wir eine ungefähre Vorstellung davon, wer wir Südtiroler sind – wenn man mal die schönen Klischee-Bildern aus dem Fernsehen beiseitelässt.

Es geht dabei übrigens nicht darum, was genau das Unternehmen Pfizer hergestellt hat.

Es geht um allgemeines Misstrauen. Joseph Zoderer, der bedeutendste Südtiroler Schriftsteller unserer Tage, hat in einem Interview vor einigen Tagen in klaren, klugen Worten unseren Blick auf die Welt zusammengefasst und dabei vor allem von unserem Misstrauen gesprochen – gegenüber der Wissenschaft, der Medizin, einem Impfstoff, der tief in uns und unsere Körper eindringt.

„Die Bauern hier essen nichts, was sie nicht kennen. Das gilt für Lebensmittel ebenso wie für Medizin. Und das fügt sich ein in eine gewissermaßen genetisch bedingte Vision der deutschen Völker gegenüber der Natur. Die wird gewissermaßen ganzheitlich, ja quasi pantheistisch betrachtet. Der Wald, das Wasser, das Leben in den Bergen. Das Unbehagen des Bauern, wenn er in die Stadt muss. Hier verbindet sich also ein historischer Konservatismus mit einer langen bäuerlichen Herangehensweise an die Dinge.“

Lange Zeit waren wir in unseren Gebirgstälern völlig weltabgewandt. Neues bekamen wir nicht mit. Es ist ja kein Zufall, dass sich unsere Sprache bis heute erhalten hat: Mit den germanischen Völkerwanderungen wurde das Ladinische in die Seitentäler zurückgedrängt, so dass diese vor 2.000 Jahren entstandene Sprache überleben konnte, die einst im ganzen Alpenraum gesprochen wurde und in der das Lateinische auf die bereits vorhandenen rätischen Sprachen aufgepfropft wurde.

„Der Fremde“ wurde lange Zeit mit Misstrauen betrachtet, und die bäuerliche Gesellschaft funktionierte autark und autonom, mit einer konservativen Weltanschauung. Eine anthropologische Situation, die sich mehr als anderswo mit einer unromantischen Vision der Natur, speziell der Berge verbindet.
Im Bereich der Krankenpflege arbeiten bei uns vor allem Frauen, und das Bild der Frau und Mutter, die pflegt und hilft und päppelt, ist bei uns noch tief verwurzelt. Der Großteil unserer Krankenschwestern, die der Impfung oft sehr skeptisch gegenüberstehen, kommt aus den Gebirgstälern. Aus Familien, die tief im bäuerlichen Land und Leben verwurzelt sind. Familien, die noch das Südtiroler Optionsabkommen, die Unterdrückung durch den italienischen „Feind“ kennengelernt haben.

„In Südtirol”, so Zoderer weiter, “wird Speck gegessen und nicht vegetarisch.”

"In den Gebirgstälern werden die Kühe geschlachtet und nicht gestreichelt. Und die Hunde sollen Wache halten. Sie werden nicht vermenschlicht wie in den Städten.“ Unsere bäuerlichen Nachbarn halten in der Tat Kaninchen und Truthähne, um sie im Familienkreis und an Festtagen zu verzehren. Und die Katzen schlafen dort nicht in der warmen Stube, sie sind draußen, denn ihr Job ist es, Mäuse zu jagen. Mehr denn je zuvor möchte ich mir ein Beispiel an unserem weitsichtigen Schriftsteller nehmen, der den außergewöhnlichen Roman „Die Walsche“ veröffentlicht hat und der mit klaren, schneidenden Worten ein politisches und historisches Drama erzählt, das vielleicht irgendwann einmal durch gegenseitigen Respekt gelöst werden kann. Ja, auch ich würde es so sagen wie Zoderer, nämlich dass „pflegen in erster Linie bedeutet, diejenigen vor Ansteckung zu schützen, die man in Pflege hat.“

Sie, liebe Leser, sind für uns Gäste, nicht Kunden. Auch aus diesem Grund ist es uns wichtig, dass Sie unsere Kultur kennenlernen, unser Land, aber auch unsere Dilemmas und provinziellen Diskussionen. Bitte gestatten Sie mir, liebe Gäste, diesen Brief mit einer Botschaft an die Kollegen Restaurateure, Hoteldirektoren, Pizzabäcker, Barbetreiber und alle anderen zu beschließen, die in unserer Branche arbeiten: Diese Zeilen sind für euch. Oder besser, sie sind für uns. Lassen wir nicht locker! Lassen wir uns nicht entmutigen. Die Zeiten sind, wie sie sind, aber sie werden ein Ende haben. Es wird vorübergehen. Was gerade passiert, könnte unser zukünftiges Leben deutlich beeinflussen und deshalb ist es eine wichtige Zeit. Doch letztlich handelt es sich nur um einen Moment. Und wie alle anderen Momente wird auch dieser vorübergehen. Die Traurigkeit, die wir empfinden, könnte durchaus auch ein Heilmittel sein. Doch nie darf sie der Gleichgültigkeit Platz machen oder der Verzweiflung. Nie dürfen wir in einen Zustand lähmender Starrheit verfallen oder unsere Pflicht vergessen, die darin besteht, Gastfreundschaft wirklich zu leben und nicht nur anzubieten.

Bald werden wir uns in einer Situation wiederfinden, die anders aussieht als jetzt. Aber nur, wenn wir das auch wollen.

Es geht hier nicht nur um Recovery Funds, um Politik, um eine Politikerkaste, die wir nicht verdient haben. Unsere Zukunft wird schöner und besser sein, wenn wir es wirklich wollen und entsprechend agieren. Lasst uns zum Beispiel alte Getreidesorten für unsere Pizzas verwenden. Lasst uns die Zeit finden, um unser Auge an die Schönheit zu gewöhnen. Um italienische Orangen und Tomaten zu essen, und zwar die allerbesten. Um die Milch unserer Bergbauern zu trinken. Lernen wir dazu, erziehen wir uns, vermitteln wir gutes Wissen! Die Geschichte des Martini-Cocktails und wie man ihn in einer Bar wirklich perfekt zubereitet. Schalten wir die grässliche Hintergrundmusik in öffentlichen Räumen ab! Begehren wir auf gegen die Supermacht der Superkonzerne und kümmern wir uns lieber um die kleinen Dinge. Wir brauchen eine ganzheitliche Kur gegen alles, was hässlich ist. Gegen aufgeblasene Egoismen. Gegen das Böse, das uns von allen Seiten antanzt. Eine Kur, die uns in Richtung Schönheit auf Kurs bringt. Wir leben in einem außergewöhnlichen Land, wo Luxus kein Extra ist, sondern eine Pflicht und eine Möglichkeit. Denn was ist denn Luxus überhaupt? Luxus ist keinesfalls gleichbedeutend mit Pracht, Prunk und Schwelgerei. Luxus sitzt in unserem Wunsch nach Einzigartigkeit, nach Schönheit. Luxus ist der Weg in Richtung eines offenen Lebens, ein Lebensprinzip, das sämtliche Versprechen halten kann. Und was sind die Versprechen von Luxus? Das würde ich gerne von Ihnen persönlich wissen, liebe Leser!

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit und schicke Ihnen ein Lächeln und eine Umarmung.

michil costa


P.S.
Sie möchten noch mehr über Südtirol-Alto Adige wissen?
Dann lesen Sie diesen Artikel über Harald Gasser vom Aspinger Hof. Einem Bauern, über dessen biodynamische Gemüsebeete eine Hochspannungsleitung gezogen werden soll. Womit ich natürlich überhaupt nicht einverstanden bin.