This is not a cliché.

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Freitag,
01 Februar 2019

Die Kunst zu schweigen

Worte, Worte, nichts als Worte. Hingeworfene Worte ohne jeden Sinn, die nur die Leere füllen sollen.

Es ist noch stockdunkel, aber wir müssen nach Bozen und dort um sieben den ersten Zug nach Rom erwischen. Gute Musik wäre jetzt schön, auch weil es für mich wichtig ist, den Tag gut anzufangen. Ich nehme dann ein gutes Gefühl mit, das mich durch den ganzen Tag begleitet. Jemand hat mir mal gesagt, dass man die erste Tat des Tages möglichst gut erledigen sollte – das Bett machen, zum Beispiel! Viel kann man dabei nicht falsch machen, und man nimmt bereits ein kleines Erfolgserlebnis mit in den Tag hinein. Und selbst, wenn sich der sonst nicht so wirklich positiv entwickeln sollte, so hat man doch den Vorteil, abends nach Hause zurückzukehren und etwas Gutes vorzufinden – ein ordentlich gemachtes Bett.
Wir sitzen also im Auto, mein Reisegefährte schaltet das Radio an, und auch wenn ich nicht auf einen melancholischen Tom Waits oder die süße Stimme von Mina zu hoffen wage, so vertraue ich doch auf eine insgesamt erfreuliche Morgenmusik. Doch das Radio ist auf einen Sender eingestellt, auf dem selbst zu dieser frühen Uhrzeit – es ist noch nicht mal sechs Uhr früh – zwei oder drei Menschen angeregt durcheinanderschwatzen. Dieses unerträgliche Radiogeplapper, das meinem Reisegefährten noch nicht mal besonders auffällt, ist etwas, das ich nicht nur in diesem Auto höre. Es begegnet mir in Restaurants, Cafés und Geschäften, und manchmal möchte auch ich einfach zu schreien anfangen: Hilfe, mir tun die Ohren weh! Schreien möchte ich, weil ich den Eindruck habe, dass man sich nur mit Geschrei und endlosen Wortkaskaden in alle Richtungen Gehör verschaffen kann. Oder wenigstens der Illusion erliegt, sich Gehör verschafft zu haben.

„Parole, parole, parole“, singt Mina in ihrem weltberühmten Lied

Worte, Worte, nichts als Worte. Hingeworfene Worte ohne jeden Sinn, die nur die Leere füllen sollen. Worte, die viel zu schnell auf Twitter unterwegs sind und die nur erzählen, wie sich die Menschen heute der Welt darstellen, wie sie gesehen werden wollen. Ich denke an Bob Dylan, der sich von Jerry Schatzberg nur unter der Bedingung fotografieren lassen wollte, dass er nicht Modell stehen musste. Dylan will durch Worte in Musik kommunizieren. Tja, andere Zeiten, andere Sitten. Heute ist das „Haten“ in Mode, Verbalaggressionen, die nur hetzen, verletzen, verleumden sollen – eine Flut an Worten, hingeworfen mit „daimonia hyperbolé“, sprich mit „außergewöhnlicher Übertreibung“. Verschiedene zeitgenössische Ismen schleichen sich überall ein wie Würmer ins Obst. Worte wie Hirnrülpser in einer Welt, in der sich alle für superschlau halten und in der es viel zu viele „buzzwords“ gibt. Missbrauchte Worte, die synthetisch oder unmittelbar verständlich zu sein haben und die einfach nur deshalb ausgesprochen werden, weil alle sie aussprechen, ohne dass jemand auch nur einen Gedanken an Etymologie und Sinn verschwenden würde.
Und dann wären da die Rassisten, diese Meister im Verbreiten von Verbalbrutalitäten. Eine Schule, die immer mehr Anhänger findet, die Frustrationen erzeugt, die sich ihrerseits in gewaltsamen Zusammenstößen im Fußballstadion, auf der Straße, manchmal sogar im Parlament ausdrücken. Von Abgeordneten und Ministern, die doch die Fähigkeit mitbringen sollten, ihre Worte abzuwägen. „Was ist Politik, wenn nicht das Bemühen, Einigkeit in solche Institutionen zu bringen und zu verankern, die zum Ungleichgewicht und sogar zu Unterdrückung und Auseinandersetzung neigen?“, schrieb der weise Platon.

Worte wiegen schwer. Sie können gewaltiges Gesicht besitzen und dürfen nicht missbraucht werden. Doch wer sich komplex und artikuliert ausdrückt, gilt heute schnell als langweilig.

Wer leise und mit gedämpfter Stimme spricht, wird als blasser Typ ohne Charakter wahrgenommen. Wer zurückhaltend und freundlich spricht, den finden Leute eklig, die selbst nur brüllen können und deren Interesse und Beschäftigung allein darin liegt, Andersdenkende zu beleidigen und zu verletzen. Am liebsten natürlich anonym im Internet, hinter einem Pseudonym versteckt. Mir ist klar, dass es in einer Welt, in der alles „instagramabel“ sein muss, schwierig geworden ist, über Kant und Hegel nachzudenken. Worte scheinen nur noch zu gelten, wenn sie von Social-Media-Stars und Influencern ausgesprochen werden, und wer heute etwas zählt, das entscheidet sich an seinen Likes auf Facebook.
Follower, Engagements, Reachs und andere Anglizismen (wie der unseres „Newsletters“)... wir wohnen einer sinnlosen Dynamik von Worten bei, die ihrerseits zu einem Algorithmus beitragen, der sämtliche persönlichen Verbindungen in Business umwandelt. Die Qualität der Gedanken scheint nichts mehr zu bedeuten, im Gegenteil: Wer vernünftig in Richtung Gerechtigkeit und Liebe argumentiert, wird umgehend eines illusorischen Optimismus oder leere Ideologien bezichtigt. Es stimmt ja auch, die Plätze und Kirchen, in denen Poesie, Schönheit und geistige Tiefe gelehrt werden, sind praktisch leer. Und doch könnte sich lohnen, weise, gerechte und angemessene Worte zu benutzen, denn Kirchen und Plätze sind eben doch nicht ganz leer. Es könnte sich lohnen, Menschen zu lauschen, die uns Wichtiges mitzuteilen haben. Gedanken, die den Kopf und vielleicht sogar auch das Herz der Menschen mit ausgewogenen, tiefen und zugleich hohen Gedanken bewegen. Don Luca, dieser erleuchtete Priester von San Quirico, sollte sich auf keinen Fall als „nutzloser Pfarrer“ bezeichnen: Reden ist wichtig, zuhören fundamental, und manchmal zu schweigen erhellend. Und dann könnten wir uns auch, wie Jacques Brel in seinem Gedicht „Ils se tiennent par les yeux”, mit den Augen halten. Denn wir alle brauchen diese Gesten der Zuneigung, der Zärtlichkeit, die liebevollen Blicken und Worten.
Damit wären wir auch schon wieder zurück im Auto, frühmorgens auf dem Weg nach Bozen. Im Radio haben sie gerade gesagt, dass Mina die „Number One“ ist. Hätten sie sie als „Nummer Eins“ bezeichnet, hätte ich mich noch mehr gefreut.
Vielleicht sind wir beim Verkaufen unserer Hotelzimmer nicht so gut wie Ronald CR7 mit dem Verkaufen seiner geposteten Socken. Doch dafür wissen wir, dass Friedensbotschaften, Liebesgedichte, die Gedanken des Schönen und des Guten (wie es die alten Griechen sahen) vielleicht nicht für große Audience beim großen Publikum sorgen, aber bei den Bewohnern einer schöneren Welt, die zum Glück noch nicht verschwunden ist. Diese Welt existiert, entwickelt sich ständig weiter und gärt – wenn sie mal nicht gerade sichtbar ist – unter der Oberfläche weiter. Sie nährt sich von Schönheit, und ihre Bewohner „kontaminieren“ sich damit gegenseitig. Es ist eine Welt der Menschen, die eine Mission haben: die Qualität der Gedanken durch Worte zu erhöhen.

michil costa