This is not a cliché.

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01 Dezember 2019

Leute, lest mehr Bücher!

In die Worte Anderer einzutauchen heißt Wissen zu schaffen. Und Wissen ist Freiheit.

Immer gegen Jahresende rufe ich mir die Bücher ins Gedächtnis zurück, die ich im Laufe der vergangenen zwölf Monate gelesen habe.

Ich nehme mir Zeit, um gründlich darüber nachzudenken, was von meinen Lektüren sich mir besonders eingeprägt hat. In diesem Jahr gehört „Der Andere“ von Ryszard Kapuscinski dazu. Der polnische Schriftsteller schreibt darin, wie wichtig es ist, konzentriert und mit stets offenem Ohr zu reisen, bereit zuzuhören. Der Weg, den wir nehmen, ist wichtig, denn mit jedem Schritt kommen wir der Begegnung mit dem Anderen näher. Und genau das ist das Thema Kapuscinskis: Es sind die Anderen, denn über sie lernen wir die Welt kennen. Jede Begegnung mit einem anderen Menschen ist eine Art Rätsel, etwas Unbekanntes, manchmal sogar ein Geheimnis (auch Ihr Nachbar hat Geheimnisse!). Um sich selbst kennenzulernen, muss man den Anderen kennenlernen, denn die anderen Menschen sind der Spiegel, in dem wir uns reflektieren. Schon Herodot wusste, dass Fremdenfeindlichkeit eine Krankheit von Menschen ist, die Angst haben, die an Minderwertigkeitskomplexen leiden und sich vor dem Spiegel fürchten, welchen eine andere Kultur ihnen vorhalten würde.

Dieses Jahr habe ich außerdem „Anna Karenina“ wiedergelesen. Die Geschichte einer bedauernswerten Frau, der richtig übel mitgespielt wird und die gleichzeitig nicht in der Lage ist, nach dem wahren Glück zu suchen und ihre eigenen Gefühle zu begreifen, was letztlich ihren Untergang bedeutet. Die erste (nicht besonders originelle) Erkenntnis meiner persönlichen literarischen Überlegungen: Tolstoi war wirklich ein bemerkenswerter Schriftsteller. Die zweite ist auch nicht viel origineller: Ich habe festgestellt, wie unerhört aktuell die alten Griechen sind, speziell die grundlegende Philosophie von Sokrates und Platon. Aristoteles habe ich sogar richtig ins Herz geschlossen. Lesen, um zu wissen. Genau das ist es, was uns das Eintauchen in die Schriften anderer Menschen schenken kann: Wissen. Nicht oberflächliches und instrumentalisierbares Wissen, wie es die populistischen Masseneinpeitscher verwenden, die eitlen und machtbesessenen Volkstribune, die Staatenlenker, die auf komplexe Probleme mit simpelsten Lösungen antworten, und die sogenannten Influencer in ihren bunten Spots.

Wir leben in einer Zeit der Oberflächlichkeit.

Was ein Grund dafür ist, das ausgerechnet echtes Wissen in Misskredit gezogen wird. Subjektive Meinungen von Leuten, die mit schlichter Rhetorik und dickfelliger Argumentation gegen Experten antreten, die über profundes, hart erarbeitetes Wissen zu Spezialgebieten verfügen, werden für volle Wahrheit genommen. Apropos, was ist eigentlich aus dem englischen Aplomb geworden? Wissen braucht eine fundierte Basis, keine Windbeutel. Wer viel liest, verfügt nicht zwangsläufig über perfektes Wissen, denn Theorie kann nicht alles erklären und Vorhersagen können irren. Doch wenn wir uns heute mit dem Hauptproblem unseres Planeten befassen, nämlich mit der Klimakrise, werden wir feststellen, dass Wissenschaftler bereist von 40 Jahren unsere heutige Situation theorisiert hatten und auch, wie sich die Zukunft entwickeln würde. Auch in diesem Bereich können nur Menschen, die den Dingen nicht auf den Grund gehen, die die wissenschaftlichen Thesen nicht vertiefen, die Chuzpe haben, offensichtliche Fakten permanent laut anzuzweifeln. Womit wir wieder bei Aristoteles wären, dem ersten Umweltschützer der Geschichte: Für ihn gab es eine Ethik der Natur, und Umweltschutz für ihn war vor allem Methode.

Um knapp zusammenzufassen, was sich mir von meiner diesjährigen Lektüre besonders stark eingeprägt hat: Ein anderer Mensch ist nichts anderes als der Spiegel unserer selbst. Zur Rückkehr zur Natur gibt es keine Alternative mehr, und Glück hängt großteils von uns selbst und von unserem Verhalten ab.

Mir kommt es vor, als wären viele Menschen ausgesprochen stolz darauf, nichts zu wissen, und als sonnten sich in diesem Nichtwissen sogar. Ich finde es besorgniserregend zu hören, dass die Hälfte aller italienischer Unternehmer behauptet, im letzten Jahr kein einziges Buch gelesen zu haben. Die Unfähigkeit zu Selbsterziehung ist gefährlich, speziell wenn man ein Unternehmen leitet. Mir hat einmal Ricky Levi, Präsident des italienischen Verlegerverbands, gesagt, dass „ein Land nicht länger als eine Generation lang reich und unwissend sein kann“. Dem wäre noch hinzuzufügen, dass in Zeiten allgemeiner Oberflächlichkeit – die Sokrates so hasste – und Inkompetenz die Demokratie als solche in Gefahr ist.

Lesen ist manchmal anstrengend. Anstrengender, als schnell irgendwas zu googeln oder sich die neue Netflix-Serie anzusehen. Lesen lässt uns aber auch begreifen, dass nicht jede Meinung das gleiche Gewicht besitzt und dass Lernen nicht nur dazu führt, dass wir uns besser fühlen – wie Aristotles nicht müde wurde zu behaupten – sondern das Wissen effektiv sehr viel mehr wiegt als meine Likes auf Facebook und meine Followers auf Instagram. Wenn wir unser Bel Paese, unser "Schönes Land", wiederhaben wollen, dann brauchen wir auch schöne Menschen, im Sinne von guten Menschen, die sich nicht aus Angst vor ihrem eigenen Innenleben mit der Oberfläche begnügen. Wenn man gewissen herablassenden Politikern und ihren geifernden Anhängern so zuhört, bekommt man den Eindruck, dass sie alle die ganze Welt verändern wollen, aber keiner bei sich selbst anfangen will. Das sagte übrigens Tolstoi, und falsch ist er damit gewiss nicht gelegen.

Ja, unser Lesen kann uns verändern. Es kann unsere Überzeugungen erschüttern, kann uns bereichern und uns neue Wege aufzeigen.

Deshalb machen Bücher denjenigen Angst, die die Menschen manipulieren wollen. So viel Angst, dass immer mal wieder ein Volkstribun sich zur öffentlichen Bücherverbrennung berufen fühlt. Lesen ist ein Synonym für Freiheit. Wir sollten uns richtig Zeit dafür nehmen. Dann würde es uns allen bessern gehen.

michil costa