This is not a cliché.

Gestern
Morgen
10
Samstag,
10 August 2019

Warum wir Serpentinen lieben

An einem strahlenden, langen Sommertag gibt es nichts Schöneres, als sich in eine Serpentine zu verlieben. Oder auch gleich in mehrere. Hinter jeder Kurve wartet eine weitere, und auf dem Weg von der einen zur anderen fragen wir uns, ob die Zeit, die hier vergeht, nicht so etwas wie ein blinder Bettler ist, der brummelnd die Zukunft vorhersagt.

An einem strahlenden, langen Sommertag gibt es nichts Schöneres, als die banale Alltagsroutine hinter sich zu lassen und ein bisschen Giro d’Italia zu spielen. Oder Tour de France. Zu tun, als wäre man Coppi, Mercks, Fignon, Indurain oder Patani. In einer Märchenlandschaft, in der die prickelnde Dolomitenluft noch zusätzlich die Phantasie anregt.

An einem strahlenden, langen Sommertag kitzeln die Serpentinen Erinnerungen in uns wach und setzen vor unserem geistigen Auge die schönsten Filme in Bewegung.

An einem strahlenden, langen Sommertag macht es Spaß, mit den Serpentinen zu flirten, auf Einblicke zu hoffen, die über das reine Vergnügen hinausgehen, und zu hoffen, dass sich der Himmel über uns noch ein bisschen länger so tadellos blau dehnt und dem Grau keine Chance lässt.

An einem strahlenden, langen Sommertag ist es ein großes Glück, durch die Kurven himmelwärts zu keuchen und sich an gewisse Dinge zu erinnern, ein bisschen nur und nicht zu tief, denn melancholische Gedanken halten wir manchmal besser auf Distanz.

An einem strahlenden, langen Sommertag macht es glücklich, allein dem Himmel entgegen zu treten. Die Anstrengung spürt man irgendwann kaum noch, nur die vielen Autos und Motorräder stören nach wie vor. Wie schön es wäre, wenn mehr Stille herrschte und mehr Rücksicht, und ein bisschen weniger Konsumdenken und Bequemlichkeit.

An einem strahlenden, langen Sommertag ist es ein unvergleichliches Gefühl, es auf 2.000 Meter Höhe geschafft zu haben, wo sich die Haarnadelkurven zu langen Geraden entspannen, dann die grünen Almwiesen zu durchqueren, wo der Pfiff eines Murmeltieres die Stille durchschneidet wie ein lässiger Gruß. Aus Plackerei wird jetzt Spielerei, Schweiß tropft auf die Wasserflasche in ihrem Halter, und ein tiefes Glücksgefühl erwärmt das Herz.

An einem strahlenden, langen Sommertag macht es Spaß, den Serpentinen zuzuzwinkernund sich wie ein Houdini auf zwei Rädern zu fühlen. Die Vision der Berge zu nutzen, um ein nicht vorhandenes Publikum zu täuschen. Sich zu fragen, ob man den eigenen Augen trauen darf oder ob die Natur nicht womöglich ihre großen Höhepunkte vortäuscht. Denn wartet nicht etwa hinter diesen grandiosen Bergmassiven die brutalste aller nur möglicher Welten?

HEUTE ABEND IM BISTROT MUSIC CLUB:

Venturin&Ometto Duo
Let's get t on!