This is not a cliché.

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Donnerstag,
01 August 2019

Die Olympiade: Geht es darum, erster zu werden, oder geht es um das Engagement der Gemeinschaft?

Meine Hoffnung richtet sich auf wahren olympischen Geist. Auf Loyalität und Respekt, Weisheit und Wahrheit statt das pure Streben nach Gewinn, Verdienst und Macht.

Xenophon zitiert in seinen Memorabilia einen schönen Satz von Sokrates: „Nichts zu brauchen, kommt in meinen Augen dem Göttlichen gleich, während nur sehr wenig zu brauchen dem Göttlichen sehr nahekommt: Doch das Göttliche ist die Perfektion selbst, und was dem Göttlichen näherkommt, kommt auch der Perfektion näher.“ Wie nahe sie an der Perfektion dran waren, weiß ich nicht, aber klar ist, dass die Einwohner von Cortina d’Ampezzo, die damals von sehr wenig lebten, die Winterspiele von 1956 nicht wollten. Ein paar Jahre später, 1970, wollten auch die Leute von Gröden keine Weltmeisterschaften. Wenn man nicht richtig denkt, kann man auch nicht richtig handelt, fand Sokrates und lässt uns ins Nachdenken kommen: „Bester Mann, schämst du dich nicht, dich zwar um Geld zu kümmern, damit du davon möglichst viel bekommst, sowie um Ruhm und Ehre, aber um Einsicht, Wahrheit und die Seele, dass sie möglichst gut wird, sorgst und kümmerst du dich nicht?“

Sotchi ist berühmt geworden. Ob Turin ordentlich verdient hat, weiß ich nicht, aber unter sozioökonomischen Aspekten sind diese beiden Winterspiele gescheitert.

Und während das springlebendige Mailand mit seiner Energie und seinem positiven Spirit für einen weiteren großen Event nach der Expo wie geschaffen zu scheint, stellt sich für das kleine Südtirol-Alto Adige die Situation deutlich komplexer dar. Die Entscheidung, die Olympischen Spiele auszutragen, müsste von der Politik getroffen werden. Und war von einer Politik im Sinne ihrer besten Bedeutung. Einer Politik, wie wir sie hier in Italien schon fast vergessen haben. Einer reinen, ethisch gesteuerten Politik, die den Fortschritt sucht und nicht die Schmiergelder oder die heimlich gezahlten Rubel. Eine Politik, die für das Wohl der Bevölkerung die besten Entscheidungen treffen will. Die große Sportveranstaltung, die über uns hineinbrechen wird, wurde vor allem aus entwicklungstechnischen Gründen gewollt. Und Entwicklung ist in diesem Zusammenhang nichts anderes als die Potenzierung einer einzigen Dimension, nämlich der rein ökonomischen.

Eine Gesellschaft, deren Denken und Handeln allein von Habgier geprägt ist, wird zu einer Gesellschaft, die sich zurückentwickelt und ihre Werte verliert: Eine Zivilisation geht dann zugrunde, wenn ihre Sitten und Bräuche korrodieren.

Die Geschichte wiederholt sich niemals genau gleich oder – wie Marx sagte – die Geschichte wiederholt sich immer zweimal: das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Die Olympischen Winterspiele von 1956 haben den Gang der Dolomiten als Umwelt, Ort, Raum, Dimension stark verändert. Im Deutschen gibt es ein einziges Wort, das all das zusammenfasst: Heimat. Das Jahr 1956 hat unsere Heimat Dolomiten in ein Business verwandelt, und heute ist das Business zur Tragödie geworden. Manche nennen sie eine neue historische Gelegenheit. Und es wurde auch gleich mit Volldampf losgelegt. Owohl Bozen und das Land Tirol dagegen sind, wird bereits wieder über das uralte Projekt Alemagna diskutiert, eine Autobahn-Verbindung Venedig-München. Doch was wird dann aus der Pustertaler Straße, die jetzt schon total überlastet wird? Was wird aus den Gästen, die in Antholz, das als Biathlon-Zentrum längst große Bedeutung gefunden hat, Ruhe und Erholung suchen? Werden die sich nicht abwenden von diesem Tal und von unserem Land überhaupt? Und was ist mit Colle Santa Lucia, mit Fodom und mit Cortina selbst – wird der Fortschritt hier auch die kulturelle Identität umfassen? Wird zum Beispiel die ladinische Sprache gestärkt? Oder wird sich die wirtschaftliche Entwicklung nur darauf beschränken, die Immobilienpreise anzuheben? Und hat der Verkauf des eigenen Hauses in einem kleinen Ort nicht heftige Auswirkungen auf die Gemeinschaft? Bedeutet das nicht auch den Verlust des Zugehörigkeitsgefühls? Doch die wahre Frage lautet: Warum tragen wir diese Spiele aus? Was ist das Motiv? Wollen wir berühmt werden? Wollen wir, dass noch mehr Menschen zu uns kommen? Wollen wir damit die Entvölkerung der Berge aufhalten? Was ist die Botschaft hinter dieser Entscheidung? Geht es darum, für all die Sportler, Zuschauer, Journalisten noch mehr Betten hinzustellen? Die Sprungschanze von Cortina zu renovieren? Und dann? Wenn es in den zehn Jahren, in den die Dolomiten jetzt schon Unesco Welterbe sind, nicht gelungen ist, die Sensibilität der Menschen zum Thema Umweltschutz zu erhöhen – eher das Gegenteil ist passiert – wie sollen wir es dann fertigbringen, mit Olympia 2026 als den nachhaltigen Winterspielen in die Geschichte einzugehen? Nachhaltig in welcher Hinsicht, bitte? Und wie nachhaltig genau? Und was bedeutet heute dieser abgenutzte Terminus der Nachhaltigkeit überhaupt noch? Sind wir denn weise genug, um zu verstehen, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält, seit Goethes Faust die Frage formulierte? Und messen Ladiner dem kleinen, aber so bedeutsamen Wort der Gemeinschaft überhaupt noch die richtige Bedeutung bei? Werden es die Olympischen Spiele sein, die unsere Gemeinschaft enger zusammenführen, oder wird es unsere Kultur sein, die Tatsache, dass wir uns gegenseitig nicht alleine lassen, dass wir zusammenstehen? Sind die Olympischen Spiele überhaupt ein gemeinsames Projekt? Und was verbindet Mailand mit Cortina? Ich habe viele Fragen. Und viel Zeit ist nicht mehr bis zu diesen Spielen. Wir müssen von jetzt an wirklich zusammenstehen, mit all unserer Kraft, und fest dazu entschlossen, dass all diese Hässlichkeiten unserer Herzen nicht kontaminieren, denn von Opportunismus und fehlendem Bürgersinn getragene Entscheidungen können ein Volk schnell entzweien. Werden wir uns selbst kurieren können, um auch die Übel der Polis, der Stadt, kurieren zu können? Und wird es uns gelingen, den Gedanken zu Ende zu führen, wie weit die Vernunft die Moral inspiriert, wenn es die Moral ist, die die Gesellschaft steuert? Ich zitiere hier wieder Sokrates. Und ich denke daran, wie schnell ein Volk – und das hat uns die Geschichte wirklich gelehrt – moralisch verwildern kann. Was wir brauchen, ist eine Pädagogik, die den Menschen zur Vernunft bringt, die ihn von Vorurteilen befreit. Und was wir ebenfalls dringend brauchen, ist der Wille, besser zu werden. Nicht mehr Wissen anzuhäufen, sondern Weisheit. Nicht nur zu schreiben und zu fragen, sondern mit gutem Beispiel voranzugehen. Und nicht gleich zu verzweifeln, sondern die Augen zum Himmel zu erheben und den großen Naturphilosophen Diogenes von Apollonia anzurufen, der behauptete, Luft sei Intelligenz. Wobei die Frage wäre, ob wir intelligent bleiben können, wenn wir dauernd schlechte, dicke Luft einatmen müssen...

michil costa