This is not a cliché.

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28 Oktober 2016

Wie soll man sich in diese Berge nicht verlieben?

Die Dolomiten – eine alte, junge Liebe
„Die Dolomiten waren wie eine Farbpalette, auf der mir jene Unendlichkeit begegnete, die ich bisher noch nie erlebt hatte. Wie soll man sich in solche Berge nicht verlieben? Lass es dir gesagt sein von mir, der ich vom Meer komme, von einer nicht allzu fernen Insel.“
Eines Morgens, als ich draußen unterwegs war, sah ich, wie die Sonne die Berge küsste. Es waren Pinselstriche in Rot, Orange und Rosa auf dem Grau. Dann bin ich stehengeblieben und habe genauer hingesehen: Es gab gar kein Grau. Aber es gab auch nicht nur Rot, Orange und Rosa. Sondern auch Grün und Braun, Himmelblau, Dunkelblau und finsteres Schwarz waren zu sehen, ein Schwarz ohne Boden. Auch Weiß war dabei, sowohl gleißend helles als auch weiches Abendweiß. Einfach alle Farben waren vertreten. Die Dolomiten in diesem Augenblick waren wie eine Farbpalette, auf der mir jene Unendlichkeit begegnete, die ich bisher noch nie erlebt hatte. Wie soll man sich in solche Berge nicht verlieben? Lass es dir gesagt sein von einem wie mir, der vom Meer kommt, von den Küsten einer nicht einmal allzu fernen Insel. Wie soll man sich von solchen Bergen nicht tief im Inneren prägen lassen, wie von einem Tattoo, das nie wieder verblasst? Oft ist die Rede von der großen Afrika-Nostalgie, einer Sehnsuchtskrankheit, die alle erfasst, die diesen uralten Kontinent besuchen. Ich aber will von der Dolomiten-Nostalgie sprechen. Ein Gefühl, das wie eine Liebkosung des Herzens ist, eine Umarmung, ein sanfter Kuss auf die Wange, ein flirtender Blickkontakt mit einer schönen Unbekannten. Ein Gefühl der inneren Sammlung angesichts dieser Berge, die in uns unbekannten Zeiten aus dem Meer zu Fels geworden sind und jetzt den Himmel berühren. Und die aus diesem Grund die Einheit von Thetys, Gea und Uranus bilden, von denen ich mir vorstelle, wie sie pausenlos um sie herumtanzen. Das sind die Dolomiten, eine neue und alte Liebe, mit ihren stillen und einsamen Wegen, mit dem Geräusch von Wasser, das an ihnen herabfließt und dem knirschenden Schnee, mit dem zu Eis erstarrten Wasserfällen, dem Pfeifen des Winds und den fallenden Regentropfen, mit der Kälte, die dich in die Haut zwickt und der Sonne, die sie wieder aufwärmt. Mit ihren Sonnenuntergängen, die dir das Herz zerreißen, weil du so etwas in der ganzen Welt nicht wieder erleben wirst, mit diesem Himmel, in dem sich urplötzlich ein Feuer entzündet. Mit ihren Morgendämmerungen voller Eis und Halbschatten, mit ihren sternfunkelnden Nachthimmeln. Mit dem tiefen Schmerz des Ersten Weltkriegs und seiner Schützengräben, die von der Gegenwart mit ihrem zerbrechlichen Frieden allzu zu schnell wieder vergessen wurden. Die Dolomiten kann man nicht einfach nur lieben, man kann sie auch nicht völlig unbeteiligt ansehen. Die Dolomiten muss man atmen, um sie zu begreifen. Man muss genug Zeit mitbringen, um sich in ihrem Angesicht klein zu fühlen; man muss die dumme Arroganz des Menschen als Beherrschers der Natur vergessen, um die Möglichkeit der Ewigkeit zu erfassen, die die Dolomiten verkörpern. Denn man kann diese Berge nicht ohne das Gefühl ansehen, dass die Zeit stehen bleibt. Und man kann auch nicht so tun, als ginge einen das alles nicht an. Die Dolomiten leben, und nur wenn du wirklich genau hinhörst, vernimmst du ihren Gesang, der vom unmerklichen und unerschöpflichen Wechsel der Jahreszeiten erzählt. Mein Blick fällt auf das Tal in der Ferne und ich fühle mich heiter; die Dolomiten bilden eine physische, aber auch eine spirituelle Grenze. Und in einer Welt, die manchmal irgendwie verloren gegangen zu sein scheint, finde ich zwischen ihren Felsen die Schönheit reiner Stille wieder.

Valerio