Die Faszination dieses Hauses
liegt weniger in dem was es bietet,
sondern in dem,
worauf es verzichtet.

This is not a clich├ę.

Februar 2015

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Sonntag,
01 Februar 2015

Junge Leute mit Koffer

Stille und dann ein Dr├Âhnen, wie das zu laute Ger├Ąusch einer Lawine. Emotion und Ersch├╝tterung, so etwas Immenses zu sehen. Keine Bedr├╝ckung, aber vielleicht ein Gef├╝hl des Eingeschlossenseins, das auch Schutz bedeutet, inmitten der gro├čen Riesen, die stumm den Lauf der Zeit beobachten, ohne sich zu sehr um die Geschichte zu k├╝mmern, die sich um sie herum abspielt. So betrachte ich, w├Ąhrend der Bus Kurve um Kurve hinauff├Ąhrt, aus dem Fenster das Gr├╝n der Wiesen, das allm├Ąhlich verschwindet und zu Schnee wird.
ÔÇ×Ich lerne viel von den G├Ąsten und von den Menschen in meinem Umfeld: da gibt es Lebensgeschichten, die ganze B├╝cher kaum zu fassen verm├Âgen, jede anders, alle verr├╝ckt, alle seltsam, keine unbedeutend. Ich hebe sie alle in meinem Koffer auf.ÔÇť
Es ist Dezember 2013, und ich sehe die Dolomiten zum ersten Mal. Ein Berg ├╝berragt Corvara, der Sassongher. Weit entfernt, von Wolken umh├╝llt. Und vor allem einsam. Auf der anderen Seite der Col Alt. Weniger steil, auf seine Weise sanfter. Das Erste, was mir in den Sinn kommt, ist der Schnee. Aber vergessen wir die Kurven nicht: auf dem Weg nach Corvara gibt es viele Serpentinen, die hinaufklimmen, sich emporranken, sich wie ein W├╝rmchen winden, der ein Blatt gefunden hat. Sie schaukeln glatt und holprig, wild und unsicher. Sie sind meine erste Begegnung mit den Dolomiten.
Corvara ist kalt; ich sp├╝re die H├Âhe. Ich f├╝hle mich kurzatmig, und ein wenig bet├Ąubt. Ich suche das Hotel La Perla. Ich trage einen gro├čen Koffer mit mir.
Der Koffer. Wir sind die jungen Leute mit Koffer. Man nennt uns auf unterschiedliche Weise; meine Freunde zu Hause sagen ÔÇ×Saisonarbeiter", f├╝r meine Mutter arbeite ich ÔÇ×St├╝ck f├╝r St├╝ck ├╝ber das Jahr". Niemand begreift jedoch die Entscheidung, jemand ÔÇ×mit Koffer" zu sein. Ich wollte schon immer im Gastgewerbe arbeiten; ich habe mir diesen Beruf immer gew├╝nscht. Ich habe den Koffer gepackt, und jedes Mal, wenn ein St├╝ck des Jahres verflogen ist, ist der Koffer voller geworden. 
Die Berge. Die Berge und ihre merkw├╝rdige Gegenwart. Ich schaue um mich und sehe Gipfel, schneebedeckte Spitzen. Sie sind sch├Ân wie das Leben; sie wirken hart und rau wie das Leben selbst. Ich h├Âre die Leute sprechen. Ich verstehe sie nicht; es ist merkw├╝rdig, eine Sprache zu h├Âren und nichts zu verstehen. Ladinisch klingt faszinierend, geschichtstr├Ąchtig und geh├Ârt zum Alltag, denn es wird hier in den T├Ąlern gelehrt und gesprochen. Es ist Identit├Ąt, Leben, Kultur. Ich habe es mit anderen Dingen zusammen in den Koffer gelegt.
Bei der Arbeit begegne ich vielen Menschen. Viele sind Kollegen und teilen meine Abenteuer in diesem au├čergew├Âhnlichen Beruf des Gastgewerbes. Nein, ich spreche nicht von Tourismus! Es geht um Gastlichkeit; ich begr├╝├če die Menschen, die im Haus eintreffen, ich k├╝mmere mich um sie und darum, dass es ihnen wirklich gut geht! Sie sind nicht einfach Touristen f├╝r mich. Ich lerne viel von den G├Ąsten und von den Personen in meiner Umgebung. Da gibt es Lebensgeschichten, die ganze B├╝cher kaum zu fassen verm├Âgen: jede anders, alle verr├╝ckt, alle seltsam, keine unbedeutend. Ich hebe sie alle in meinem Koffer auf.
Manchmal fl├Â├čen die Dolomiten mir Furcht ein, denn ich sp├╝re, dass sie eine Seele haben. Sie scheinen mir Lebewesen und nicht blo├č Steine zu sein. Ich begreife nun den Respekt und den Stolz der Talbewohner darauf, Ladiner zu sein.
Denn w├Ąhrend das Meer vielen geh├Ârt und die Erde allen, so k├Ânnen doch nur wenige auf ein solch enges Verh├Ąltnis zu einer so schwierigen und zugleich so sch├Ânen Natur verweisen. Wenige haben eine so innige Bindung zu einer Welt, die einzigartig ist und zwangsl├Ąufig gro├čen Einfluss auf sie aus├╝bt. 
Corvara hat mich wie ein neues Zuhause aufgenommen, mich und meinen Koffer voller ÔÇ×St├╝ckeÔÇť aus fr├╝heren Jahren. Casa La Perla ist eine Geschichte des Lebens, nicht nur jene einer Familie, die G├Ąste aufnimmt, sondern auch einer Familie aus zahllosen Mitarbeitern. Wir sind fast hundert, und fast alle haben wir einen Koffer. Freundschaften entstehen, auch Liebe, Ehen und Kinder. Da sind Freunde, und Freunde, die Br├╝der sind. Alle mit einem Koffer in unserer Unterkunft. Jeder schenkt den anderen ein St├╝ck seiner selbst. 
Ein Jahr ist vergangen; mein Koffer wird immer voller, aber ich habe noch viel Platz.

Valerio Cabiddu