Die Faszination dieses Hauses
liegt weniger in dem was es bietet,
sondern in dem,
worauf es verzichtet.

This is not a cliché.

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Jazz'n Stüa: in a sentimental food

Ich muss zugeben, dass es mich nach vielen Jahren immer noch überrascht zu sehen – oder besser, zu hören - welchen Effekt die Musik im „Stüa“ macht: reine Magie. Niemand kann sich diesem wunderbaren Effekt entziehen. Auch die wenigen die darum bitten, die Musik etwas leiser zu stellen, relaxen nach einiger Zeit. Die meisten Gäste sind mehr als glücklich sie zu hören und häufig fragen sie: „Entschuldigung, kann man Ihre CDs kaufen?“. Innerlich lächele ich: „Wir sind doch nicht in der Buddha Bar“. Einmal hat mir ein amerikanisches Paar gebeichtet, dass sie sich in einem Konzert mit Sarah Vaughan kennen gelernt haben und ihre Stimme in einem „Stüa“ in den Dolomiten hat darum eine besondere Ausstrahlung auf sie.
„Von Chet Baker zu Miles Davis, von Sarah Vaughan zu Dinah Washington begleitet gute Musik all das, was wir im Stüa de Michil servieren.“
Im „Stüa“ hat die Musik einen unbezahlbaren Wert: alles umhüllt und alles durchdringt einen. Das liegt daran, dass die Zimmer niedrige Decken haben und die Musik dringt unauffällig ein. Mag sein, dass Holz und die Noten sich sehr gut verbinden. Mag sein, dass neben Geschmack und Geruch auch das Ohr seinen Part haben möchte.
Mag sein, dass alle diese Gründe keinen Sinn ergeben, aber im „Stüa“ ohne Musik einen guten Wein zu öffnen oder ein gutes Essen zu servieren macht keinen Sinn.
Für das „Stüa“ habe ich nur Jazz Künstler ausgesucht und ein Repertoire der 30er bis 70er Jahre. In a sentimental Food... Jeden Abend ein Artist, der mit einer kurzen Erklärung eingeführt wird, mit Fotos, Biographie und der Erklärung einiger Lieder, die während des Abends gehört werden. Ein paar Namen? Die großartige Carmen McRae, der erhabene Chet Baker, die blonde Chris Connor, die spektakuläre Dinah Washington, die sinnliche Julie London, der göttliche Miles Davis, die virtuose Shirley Horn und die geliebte Sarah Vaughan.
Eine weitere Sache die mich verwundert und erfreut ist, zu sehen wie jeder Artist eine andere Atmosphäre kreiert, den Abend eines jeden beeinflusst, egal ob Gast oder Mitarbeiter. Es ist unglaublich. Es reicht, wenn sich ein Hauch eines Stückes im Raum verbreitet und alle stellen sich auf diese Noten ein, jeder auf seine Art: es beginnt bei allen Menschen, niemand ist ausgeschlossen, auf einer bestimmten Wellenlinie, Erinnerungen und Emotionen kommen hoch.
Oh die Musik. Für sie empfinde ich eine Liebe ohne Grenzen. Niemals ohne sie. Sie begleitet mich überall hin. Auch wenn ich sie nicht höre. Sie ist immer bei mir. Ich habe sie als Kind als treuen Begleiter kennen gelernt; sie trägt immer andere Kleider, bunt und verwirrend, minimalistisch und umhüllend. Ein dünner Faden hält jede Musik zusammen. Es reicht, ihr ohne Vorurteile zu folgen, es darf keine Mauer gebaut werden, an der sie zerbrechen kann. Darum ist es wunderschön, in einem nicht perfekten Gitarrensolo gespielt in einer Garage in Seattle ein ladinisches Akkordeon zu erkennen; es ist wunderschön zu reisen, indem man die Noten eines karaibischen Rhythmus „in levare“ mit dem Sassongher vor sich hat. Es hört sich banal an, aber Musik ist Synonym von Freiheit: von Gedanken und Vorstellung, von Gefühl und Emotion. Sollte eines Tages die Musik abgestellt werden, würde in der Konsequenz die ganze Welt abgestellt werden. Und nun, wie der ausgezeichnete Barry singt, „Let the music play“ immer und überall.

Manuel Dellago