Die Faszination dieses Hauses
liegt weniger in dem was es bietet,
sondern in dem,
worauf es verzichtet.

This is not a cliché.

Oktober 2018

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29 Oktober 2018

Ich habe „Inshallah“ gelernt. Und „si bieusu“ gelehrt

Ich arbeite mit Kollegen aus Afrika zusammen; in der Küche sind Menschen aus dem Balkan beschäftigt, und insgesamt setzt sich unsere Mannschaft aus Indern und Ladinern, Spaniern und Russen, Österreichern und Italiener zusammen. Und auch wenn es manchmal nicht ganz leicht ist: Für uns in der Casa bedeuten Unterschiede nicht Trennung, sondern Einladung zur Begegnung, zum Austausch. Sie sind eine Quelle der Bereicherung.
So habe ich in den vergangenen Jahrzehnten zugesehen, wie sich die Welt verändert hat. Mauern, die eingestürzt sind, wurde höher wiederaufgebaut, und im Laufe der Jahre, die immer schneller verfliegen und denen wir immer stärker vernetzt sind, wird uns klar, dass die Welt zwar einerseits kleiner geworden ist, sich aber auch immer stärker gegenüber dem Fremden verschließt.
Aus dem Jahr 1989 – ich war ein kleiner Bub und hatte gerade seit ein paar Wochen angefangen zu lesen und zu schreiben – erinnere ich mich ganz genau an den Moment, in dem auf unserem alten Fernseher das Bild eines Jungen zu sehen war, der auf einer bunt bemalten Mauer saß. Ich erinnere mich an ein Gewusel von Menschen, die wild durcheinanderliefen und tanzten. Und ich verstand nicht, warum, nur weil irgendwo eine Mauer gefallen war, dieses Durcheinander herrschte. Zehn Jahre später, als ich ein Teenager war, guckte ich nachmittags fern und sah zu meiner Erschütterung die Twin Towers in New York einstürzen. Und ich begriff, dass die Welt eine dunkle, unerfreuliche und komplizierte Wende genommen hatte.
Vor zwei Jahren ungefähr – ich war bereits ein junger Mann – sah ich auf meinem Computer das Bild eines kleinen Jungen, gestorben, verlassen, alleine auf einem Strand unseres Europas, das zu implodieren droht, weil es außer sich selbst nichts mehr wahrzunehmen scheint.
So habe ich in den vergangenen Jahrzehnten zugesehen, wie sich die Welt verändert hat. Mauern, die eingestürzt sind, wurde höher wiederaufgebaut, und im Laufe der Jahre, die immer schneller verfliegen und denen wir immer stärker vernetzt sind, wird uns klar, dass die Welt zwar einerseits kleiner geworden ist, sich aber auch immer stärker gegenüber dem Fremden verschließt.
Ich selbst bin in Deutschland geboren, aber in Sardinien aufgewachsen. Ich habe an ziemlich vielen Orten gelebt, gelernt und gearbeitet – in England, in Spanien, in Friaul. Heute lebe und arbeite ich in Südtirol; meine Freundin stammt aus Venetien und hat Habsburger Vorfahren. Meine Katze ist eine echte Gadertalerin, und meine Diplomarbeit an der Uni habe ich über die italienische Einwanderung in Amerika geschrieben. Wer definiert denn, wer der Fremde ist? Hat es überhaupt noch Sinn, heutzutage, wo wir in wenigen Stunden Flug die Klagemauer in Jerusalem oder den Broadway in New York erreichen, vom „Fremden“ zu sprechen? Wer ist denn der Fremder? Nicht einmal Albert Camus wusste in seinem Roman eine Antwort zu geben.
Wenn man in einem internationalen Hotel wie der Casa La Perla lebt und arbeitet, begrüßt man Menschen aus der ganzen Welt. Das gilt nicht nur für die Gäste, sondern auch für die Kollegen. Es lebe Afrika! Mit mir im Büro sind Hicham aus Marokko und Yero aus dem Senegal! Es lebe der Balkan! In Form meiner Kollegen Goran und Sebastian. In der Küche arbeiten Mustafa, ein Landsmann von Hicham, und Mervan aus dem Kosovo. Andere Kollegen in der Casa stammen aus Serbien, Mazedonien, Indien (!) und Russland, Österreich und Spanien, so wie unsere geschätzte Linda, eine Wanderführerin und Insulanerin wie ich (nur dass sie von den Kanaren stammt und nicht aus Sardinien). Und bald wird Maddalena dazustoßen, die Ladinisch spricht und die Berge hier kennt wie ihre Westentasche.
Natürlich ist es nicht immer einfach, wenn du deine Arbeit und dein Leben mit Menschen teilst, die alle aus völlig unterschiedlichen Orten stammen. Für mich als Mensch des Meeres ist es nicht einfach, mich an gewisse Weisheiten und Spitzfindigkeiten der hier herrschenden alpinen Mentalität zu gewöhnen. Es war nicht leicht, Yero klarzumachen, dass es bestimmte Verhaltensweisen sind, die hier bei uns, weit weg von seiner Heimat, nicht so gut ankommen, und nicht er selbst. Es ist nicht leicht, sich an Gorans sehr direkte Art zu gewöhnen. Doch es ist möglich. Jeder von uns hat viel von seinen Kollegen gelernt. Die Unterschiede sind Gelegenheit zur Begegnung, und für mich persönlich ist es völlig gleichgültig, ob mein Gegenüber vom Mond stammt oder aus Bruneck. Für mich zählt, dass er seine Arbeit gerne tut und dass er gerne mit uns zusammen ist, in dieser großen Casa, mit Leidenschaft und täglichem Einsatz.
An Weihnachten 2017 haben wir eine Flasche Prosecco aufgemacht und eine Flasche Orangensaft und haben den Panettone angeschnitten. Wir waren einfach eine Gruppe von Leuten, die zusammensein wollte, und keinen von uns hat es interessiert, ob der andere Katholik war oder Protestant oder Moslem, ob er schwarz war oder weiß oder kahlköpfig. Wir waren eine Gruppe von Leuten, die gemeinsam angestoßen hat, weil wir uns gegenseitig respektieren und weil wir stolz darauf sind, ein Team zu sein. Klar gibt es Unterschiede, aber es liegt an uns, ob wird daraus eine unüberwindliche Mauer konstruieren wollen. Wenn ich zum Abschied Hicham und Yero umarme, sage ich mit Blick auf das Wiedersehen in der nächsten Saison „Inschallah“. Und sie antworten mir routiniert auf gut Sardisch mit „si bieusu“.

Valerio