Die Faszination dieses Hauses
liegt weniger in dem was es bietet,
sondern in dem,
worauf es verzichtet.

This is not a cliché.

Oktober 2009

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Morgen
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Donnerstag,
01 Oktober 2009

Heute ist unser Schweigetag

Hans, ein Architekt, kommt jeden Tag bei uns vorbei, setzt sich an die Bar und bestellt einen guten Weißwein.
Oft setze ich mich dazu, dann unterhalten wir uns. Am 19. September um fünf Uhr nachmittags herrscht im Haus La Perla absolute Stille. Am Tresen sitzt nur der Architekt. Wir grüßen uns mit einem Nicken.
“Was bedeutet für dich die Stille?", schreibt er mir auf ein Zettelchen. Nun, in den darauf folgenden 30 Minuten fand zwischen uns beiden ein Dialog statt, wie es ihn in den letzten 30 Jahren nicht gegeben hat.
Wer bei uns am Wochenende des 19. und 20. Septembers angerufen hat, wird sich nicht wenig gewundert haben, wenn der Anrufbeantwortet losgegangen ist: “Heute ist unser Schweigetag. Bitte rufen Sie am Montag wieder an." Sie werden sich gesagt haben :"Kaum gehören sie zum Weltkulturerbe, schließen sie auch schon wegen Reichtums", oder “Wird das La Perla zum Kloster? Werden künftige Gäste Asketen sein, die sich mit einem Stückchen Brot ernähren, den Durst mit einem Glas frischen Wasser löschen und geistige Nahrung bei den gastgebenden Costas erbitten? Welche statt Wein in Zukunft Weisheiten ausschenken?"
Nein, soweit wird es nicht kommen. Es gibt auch Mittelwege. Ganz sicher bilden wir uns nicht ein, irgendjemand etwas beibringen zu wollen, und schon gleich gar nicht wollen wir uns auf dem Gebiet der Spiritualität üben. Wir möchten nur ein paar ihrer Früchte ernten - zusammen mit all denen, die diese stillen Stunden mit uns verbracht haben.
Wir wollten uns selbst einmal lauschen, über das nachdenken, was uns umgibt, ein Getränk mit etwas Phantasie bestellen. Wir wollten ein Märchen neu erleben, die frechen Zwerge im Wald und den alten weisen Mann, der seine Gedanken aufschrieb, um sie sodann unerbittlich zu verbrennen. Wer diesen Moment nicht ergriffen hat, hat ihn verpasst. Wir wollten ein bisschen Spaß haben - und ein bisschen provozieren.
Vieles ist uns dabei klar geworden: Nichts zu sagen bedeutet nicht, nichts zu sagen zu haben, denn viel wurde “gesprochen"; viele Gefühle - auch verborgene - kamen ans Tageslicht. Das Bewusstwerden des eigenen Atmens war für viele von uns eine Offenbarung. Der Atem, der uns, ganz ehrlich, am ersten Tag des Schweigens in unserem Haus minunter geraubt wurde, weil die Momente so intensiv waren. Doch an diese Momente werden wir uns erinnern - so viel stärker als an all die anderen Momente unseres Lebens, in den wir so gänzlich unbewusst geatmet haben.
Zu unserem magischen Schweigetag werden wir natürlich Kommentare hören wie “nur gut, dass die mal die Klappe gehalten haben". Wir dagegen werden uns an die Ballerina erinnern, die zu den Noten des Pfeifenspielers tanzte. Zauberhaft und stumm. Das intensive Musik-Erlebnis zum Ausklang des Abends, bei dem alles irgendetwas spielten, wird unvergesslich sein. Um nicht vom Wahrsager zu sprechen, der Sätze ohne jeden Sinn schrieb, vom Meister Christian, der uns auf den Wiesen unter den Wasserfällen des Pisciadù ausstrecken hieß, und von den Hofdamen, die uns hin und wieder in eine andere Dimension schossen. Ohne Uhren, ohne Telefon, ohne Zeit.
Eine warme, ehrliche und stille Umarmung. Wie ein dolomitischer Sonnenstrahl.