Die Faszination dieses Hauses
liegt weniger in dem was es bietet,
sondern in dem,
worauf es verzichtet.

This is not a cliché.

Oktober 2015

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01 Oktober 2015

Der Weg ist nicht das Ziel

Es war ein schöner Sommer, die Tage waren heiß, lang, lichterfüllt. Ein Bergsommer aus stetem Licht und fernem Staunen. Und dann kam der Regen, der so wichtig ist für die Pflanzen und ihr Überleben: Er erfrischt sie, liebkost sie mit seinen kraftvollen Tropfenperlen. Doch nicht immer wissen wir seine Schönheit zu schätzen.
Und wenn wir nass werden, was ist schon dabei? Wovor haben wir Angst? Vor dem Regen, der die Sonne klaut und die Erde entblößt, feucht und rutschig? Dabei ist der Regen eine große Chance. Wir müssen sie nur wahrnehmen und uns mal kurz von unseren selbst gewählten Gewissheiten befreien.
Für die Tannen war es eine harte Zeit, und auch die Zirben haben ganz gelbe Äste. Nach all diesen Sonnentagen brauchen sie dringend Wasser. Auch unsere Gäste machten am ersten Regentag noch einen ganz zufriedenen Eindruck, „jetzt können wir mal eine Pause einlegen“. Doch schon am zweiten Tag begannen sie zu ächzen unter der Last einer Langweile, mit der sie nichts anzufangen wissen schienen. Sie wollten Programm, irgendetwas tun, bevor die Gedanken, die Sorgen, die Angst, innezuhalten, unsere Unfähigkeit freilegten, etwas in uns selbst zu suchen. Und so setzten sich manche ans Steuer und fuhren nach Cortina („aber all dieser Verkehr!“). Andere fuhren nach Innsbruck („aber diese vielen Leute!“). Selbst München wurde angesteuert („aber diese lange Fahrt!“).
Manchmal frage ich mich, ob wir Menschen wirklich nur uns Auto denken können. Mit dem fliehen wir irgendwohin, wo wir zwangsläufig feststecken, weil alle anderen denselben Reflex hatten. Worüber wir uns dann furchtbar wundern. Dann denke ich daran, was Seneca gesagt hat: „Wir müssen uns ändern, nicht der Himmel über uns.“ Das heißt: raus aus dem Auto, rein in den Wald. Ganz einfach. Der Regen ist etwas Wunderbares. Und ein vor Feuchtigkeit dampfender Regenwald ist eine Zauberwelt. Er riecht viel intensiver als sonst, die Vegetation pulsiert und selbst die krummen Äste zwinkern sich zu, stoßen heisere Seufzer aus. Ein Igel hebt den Kopf, ein Ameisenhaufen verändert seine Form. Pflanzenskulpturen aus einer Parallelwelt, die näher an uns dran ist, als wir uns vorstellen können.
Der Weg ist nicht das Ziel. Er ist keine Briefmarkensammlung, kein Wappen, kein Sternchen, das wir unseren intimsten Erinnerungen anheften können. Der Weg sind wir selbst, die wir unsere Augen öffnen oder schließen können. Es liegt nur an uns. Manchmal kommt es mir gerade so vor, als wären einige Menschen in der Lage, die Schönheit einer Reise noch in dem Moment zu zerstören, in dem sie diese leben. Doch der Wald wartet auf uns, in all seiner majestätischen Gelassenheit. Die Almwiesen sind da, mit dem nassen Gras, das sich vor dem bedeckten Himmel verbeugt. Die Bleichen Berge färben sich bedrohlich schwarz, um nur eine Sekunde später in den Wolken miteinander Verstecken zu spielen.
Und wenn wir nass werden, was ist schon dabei? Wovor haben wir eigentlich Angst? Vor dem Regen, der die Sonne klaut und die Erde entblößt, feucht und rutschig? Dabei kann der Regen eine große Chance sein. Wir müssen sie nur wahrnehmen und uns mal kurz von unseren selbst gewählten Gewissheiten befreien. Um wieder zum Spielkameraden unser selbst zu werden, um unter den tief hängenden Wolken Erleichterung zu empfinden. Um die Gelegenheit zu nützen, etwas wirklich Schönes zu erleben.
Wir Tourismus-Unternehmer haben eine große Verantwortung: Wir wollen unseren Gästen zeigen, dass man die Welt auch mit anderen Augen sehen kann. Dass man wache Sinne braucht, um echte Emotionen zu erleben. Und dass die Welt um uns herum voll versteckter Schönheit ist. Und wir sollten selbst damit anfangen, gewisse Regentage lieben zu lernen.
Nun ist der Herbst da, mit seinen kräftigen Farben, der frischen Luft, dem blauesten Himmel des Jahres. Ich bin glücklich. Draußen fallen die ersten Regentropfen. Gewitter sind keine vorhergesagt. Und darum mache ich mich auf zum Col Alto... um meine Gedanken in größeren Träumen zu baden.

Michil Costa