Die Faszination dieses Hauses
liegt weniger in dem was es bietet,
sondern in dem,
worauf es verzichtet.

This is not a cliché.

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01 Dezember 2018

Der Odysseus in uns

Das Web verbreitet Nachrichten aller Art ungebremst, unkontrolliert und ohne ihnen irgendwelche Hindernisse in den Weg zu stellen. Eine Art der Kommunikation, die uns direkt ins tiefste Mittelalter der Menschheit zurückkatapultiert.
Heute ist das Internet das Kommunikationsmittel Nummer eins, und deshalb müssen wir Internet verstehen, um uns nicht in verrückte Aktionen verwickeln zu lassen. Internet kann schrecklich sein, kann den totalen Wahnsinn produzieren, Selbstzerstörung und Vernichtung. Es kann aber auch wie ein Buddhist Worte der Weisheit verbreiten, die uns auf ein höheres Bewusstsein hoffen lassen.
Der Klang war tief und vibrierte, als käme er direkt aus der Erde, und er war so dicht, dass das Glas zu klirren begann. Es war der Klang der „Corn da munt“, der Alphörner, mit denen im Gebirge früher von Tal zu Tal kommuniziert wurde. Heute setzen wir die Alphörner eigentlich nur noch bei historischen Umzügen ein, bei Kulturveranstaltungen und um ein bisschen touristische Folklore zu inszenieren. In früheren Zivilisationen besaßen aber auch Feuer und Rauch eine wichtige Rolle als Kommunikationsmittel. Die byzantinischen Herrscher etwa hatten ein System aus Fackeln entwickelt, die sich von den Grenzen des Reichs bis hin nach Konstantinopel reihten. Die Flammen wurden immer dann entzündet, wenn feindliche Truppen ins Land eindrangen.
Auch der Mensch als Bote hat eine lange Geschichte. Es war im Jahr 490 v. Christus, als ein griechischer Hoplit die ganze Strecke von Marathon nach Athen rannte, um seinen Mitbürgern die Nachricht vom Sieg über die Perser zu übermitteln. Der Einsatz von Tieren beschleunigte später die Nachrichtenübermittlung, und von diesem Moment an gewann die Kommunikation an Tempo. Mit der Verbreitung der Schrift wurden die Voraussetzungen für die Entstehung der ersten Zeitungen geschaffen, die natürlich in keiner Weise mit denen vergleichbar sind, die wir heute kennen. Es handelte sich eher um eine Art von militärischen Memos. Berühmt waren die „Königs-Zeitungen“ von Alexander dem Großen, in denen Tag für Tag die Aktivitäten des Feldherrn festgehalten wurden. Auch die Römer hatten die Bedeutung eines Tagebuchs erkannt: Wichtige Neuigkeiten wurden an öffentlichen Plätzen angeschlagen, ein bisschen so wie heutzutage die Werbeplakate.
Es gab damals aber auch eine Kommunikation, die derart grandios und episch war, dass sie zu einer der Säulen unserer europäischen Kultur wurde. Ja, bei unserem guten alten Homer unterlief jeder Punkt einen Akt der Verwandlung, wurde mit Metaphern und Allegorien angereichert (und damit meine ich keine „fake news!“), damit das Volk direkt angesprochen und mitgerissen wurde. Das Publikum sollte gewissermaßen spüren, was es hörte. Es sollte zornig werden, wenn der Protagonist zornig war, und es sollte weinen, wenn auch der Protagonist Tränen vergoss. Der mündliche Vortrag musste überaus emotional und glaubwürdig sein, weil sonst keiner zuhörte, und wer nicht zuhörte, konnte die Geschichte seinerseits nicht weitergeben. Die Helden bei Homer schämten sich ihrer Gefühle nicht. Sie weinten in der Öffentlichkeit, um ihre Größe zu zeigen, und sie brüllten, um die Gewalt ihrer eigenen Natur zu demonstrieren. Erde und Tränen – aus dieser Kombination entstand gemäß dem wunderbare Narrativ der Homerschen Verse die menschliche Rasse, denn nur wer weinen kann, kann die Grenzen der eigenen Menschlichkeit ausloten. Die in der Gewalt und in der Tragödie zum Ausdruck gebrachte Leidenschaft war für den Verfasser der Ilias das grundlegende Stilmittel. Und ich frage mich: Wer heute auf Facebook seinen Hass, seine Gewaltphantasien zum Ausdruck bringt und dabei Gefühle reinster Negativität ausdrückt, ohne selbst eine Träne zu vergießen – kopiert der am Ende nur die alten Griechen?
Dieser demonstrative Hass, den die Isis mit ihren Live-Enthauptungen im Fernsehen zeigte, der Hass eines Menschen, der „Tod den Juden“ postet und dann in der Synagoge von Pittsburgh um sich schießt, Hass, den die ganze Welt sehen soll, öffentlicher Hass, Hass ohne Hoffnung auf Erlösung... woher kommt das bloß? Bei den alten Griechen konnte nur derjenige seinen größten Feind besiegen – die Angst vor der eigenen Sterblichkeit – der es fertigbrachte, die eigenen Schwächen nicht zu verstecken. Diese extreme Form der Kommunikation, die wir heute haben, die Kommunikation von so offensichtlich falschen Tatsachen, von Lügen, katapultiert uns direkt ins finsterste Mittelalter der Menschheit zurück. Es ist eine Kommunikation, die Angst macht, weil sie die Angst vor dem Tod nicht mehr zu kennen scheint oder sie verachtet. Vergessen wir auch nicht die aus der jüngeren Vergangenheit stammende Nazi-Propaganda oder die brutalen Auslöschungs-Verkündungen der totalitären Systeme des 20. Jahrhundert: Wenn das griechische Streitgespräch eine eindeutige anthropologische Tatsache jener Gesellschaft war, wohin führt uns dann die heutige Gesellschaft, die ganz unterschiedliche Formen des Ethos hervorgebracht hat und Moralsysteme, die sich von den damaligen unterscheiden? Achilles kannte trotz seiner schrecklichen Natur die Gnade; er war sentimental. Er besaß einen Charakter, eine Tiefe, eine Sensibilität und eine Intelligenz, die den Gewalttätern von heute total fehlt.
Heute ist Internet das Kommunikationsmittel Nummer eins, und deshalb müssen wir Internet verstehen, um uns nicht in perverse Aktionen verwickeln zu lassen. Internet kann schrecklich sein, kann den totalen Wahnsinn produzieren, Selbstzerstörung und Vernichtung. Es kann aber auch wie ein Buddhist Worte der Weisheit verbreiten, die uns auf ein höheres Bewusstsein hoffen lassen. Doch wer Internet nutzt, sollte nicht nur den eigenen Bauchnabel betrachten, sondern sich lieber von einem modernen Aias, dem Telamonier, inspirieren lassen, dieser griechischen Helden, der sich aus Wut und Scham selbst umbrachte. Natürlich soll er sich nicht vom Selbstmord inspirieren lassen! Aber er sollte sich jene Kultur der Scham aneignen, die wir so gut von Homer kennen. Jene moralische Kraft, die nicht mit Gottesfurcht gleichzusetzen ist, sondern die Projektion in eine Dimension der Öffentlichkeit bedeutet. Sprich die Angst davor, diskreditiert zu werden. Dieses Schamgefühl sollte wieder heimisch werden unter den Menschen, um diejenigen zur Vernunft zu kriegen, die ihr Selbstwertgefühl aus der Zahl ihrer Likes oder Follower ableiten, die ihnen zeigen, wieviel sie vermeintlich angesagt oder bewundert werden oder, im entgegengesetzten Fall, abgelehnt und verschmäht.
Internet ist ein außergewöhnliches Kommunikationsinstrument, ohne das zum Beispiel die revolutionären Aktivistinnen von RAWA in Afghanistan ihren Einsatz für die Frauenrechte und für mehr Demokratie niemanden mitteilen könnten. Wir unterstützen diese Frauen mit unserer Stiftung, mit Einsatz und Anteilnahme. Ja, manchmal würde Internet den Friedensnobelpreis verdienen. Doch wir müssen uns über seine Grenzen im Klaren sein, und diese Grenzen liegen in uns selbst. Wir dürfen nicht in die unbegrenzte Überzeugungskraft dieses vom Menschen geschaffenen Instruments glauben. Heraklit hat gesagt: „Der Seele Grenzen kannst du nicht herausfinden, und ob du jegliche Straße abschrittest.“ Und ob du jegliche Website besuchest, werden wir die Grenzen des Bewusstseins garantiert nicht finden, solange wir uns rein in der virtuellen Welt aufhalten. Dennoch bleibt Internet eine Möglichkeit, mit der wir ein Stück unserer kleinen, schönen Welt aus großer, echter Gastfreundschaft teilen können, eine Möglichkeit auch, in Kontakt zu bleiben.
Als Hoteliers wissen wir vielleicht nicht, wie man die digitale Kommunikation am schlauesten nutzt. Was wir dagegen wissen, ist, dass diese Kommunikation wichtig ist. Und deshalb kommunizieren auch wir via Web, was wir unseren Gästen mitteilen wollen, ohne uns dabei jedoch von Moden und Instinkten mitreißen zu lassen. Stattdessen lassen wir uns von keinem Geringeren als dem großen Odysseus leiten. Und navigieren im Netz mit weiser Umsicht.

michil

Jean-Michel Basquiat, Horn Players, 1983