This is not a cliché.

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Sonntag,
14 April 2019

Und dann kommt Diego

Vier Jahre sind vergangen, seit Astrid bei uns gearbeitet hat. Astrid aus der Casa La Spona, einem Heim in Pederoa, das sich um Kinder und Jugendliche kümmert, die mit Trisomie 21 geboren wurden. Einer Genommutation, die die meisten unter dem Namen Down Syndrom kennen.
Vier Jahre sind eine ziemlich lange Zeit. Vier Jahre braucht man für die Grundschule, vier Jahren liegen zwischen zwei Olympischen Sommerspielen, vier Jahre können auch vergehen, bevor ein Baum erste Früchte trägt. Und vier Jahre nach unseren ersten Erfahrungen mit Astrid hat uns die Casa La Spona wieder kontaktiert, diesmal um uns Diego vorzustellen, der so wie Astrid mit Trisomie 21 auf die Welt kam.
Unsere Gesellschaft basiert auf dem Prinzip der Einheitlichkeit. Es ist eine Tatsache: Wenn du dazugehören willst, musst du sein wie alle anderen. Das klingt nach einer Binsenwahrheit, es ist aber tatsächlich so. Wir lernen beim Erwachsenwerden, dass wir wie die anderen sein wollen oder müssen. Dass wir die gleichen Schuhe brauchen, die gleichen Uhren, Handys. Keiner will außerhalb der Gruppe stehen. Diesen Umstand leben wir, oft ohne uns seiner bewusst zu werden, und wir verbringen unser Dasein damit, uns gleich zu machen, uns zu standardisieren.
Diego ist anders als das, was wir gemeinhin als „normal“ definiert haben. Denn was heißt eigentlich normal? Ist es normal, mit anderen Menschen nur noch über Social Media, Handys und Mails zu kommunizieren? Ist es normal, meinem Kollegen eine Info zu texten, wenn er doch nur zwei Meter Luftlinie von mir entfernt sitzt? Ist es normal, auf einer Zugfahrt die ganze Zeit auf einen Bildschirm zu starren, statt aus dem Fenster zu gucken? Nur weil das alle machen?
Diego aber verhält sich anders. Diego ist zufrieden, genau das zu tun, was er gerade tut. Für ihn ist das jeweils ein einziger, unwiederholbarer Akt. Wenn Diego zu uns ins Büro kommt, begrüßt er erst jeden einzelnen Anwesenden, hängt dann seinen Mantel in den Schrank und bereitet sich für die Arbeit vor. Er bindet sich die Krawatte, zieht die Weste an und wartet dann auf Anweisungen. Er erledigt kleinere Aufgaben, bereitet zum Beispiel Umschläge vor oder richtet Blumen. Doch alles was er macht, macht er mit Liebe, Sorgfalt und Liebenswürdigkeit. Diego wirkt immer glücklich.
Diego ist glücklich, weil er nicht in Kategorien wie „anders“ oder „wie alle anderen“ denkt. Diego lehrt uns, dass wir sein können, wie wir sind, und dass wir trotzdem gemocht werden können. Und selbst andere mögen können. Diego hört zu, wenn jemand spricht, und wenn wir uns zu Tisch setzen, zieht er nicht das Handy aus der Tasche. Er isst gesetzt und beobachtet, was um ihn herum geschieht, ohne sich von einem Bildschirm ablenken zu lassen. Er hat sehr wohl ein Handy, aber er benutzt es, um mir mitzuteilen, dass er im Bus sitzt oder dass er auf dem Rückweg zum La Spona ist. Er benützt es als Kommunikationsmittel, nicht um Leere zu füllen. Für uns ist es ein großes Glück, Diego bei uns zu haben. Von ihm lernen wir jeden Tag, dass die Bedeutung einzelner Kategorien in uns selbst liegt, und dass ein solcher Parameter keine Regel ist und nie sein wird: Das Wort „anders“ hat genau die Bedeutung, die jeder einzelne von uns ihm zugesteht. Es hängt allein davon ab, was und wie wir denken. Diego ist einzigartig. Und er zeigt uns, dass die einzige Verschiedenheit, die wirklich Sinn hat, die ist, in der wir alle verschieden sind. Sind wir ja auch. Wir sind alle einzigartig und einmalig. So wie Diego.

Valerio, Front Office Manager and Guest Relations