This is not a cliché.

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01 April 2019

Die Welt braucht Brücken, keine Mauern

Ich liebe meine Arbeit. Ich bin gern mit Menschen zusammen; es bereitet mir Freude, die Gäste lächeln zu sehen, und unsere jungen Mitarbeiter, die im Service voller Harmonie zusammenarbeiten, machen mich glücklich.

Hier ist mein Zuhause, und weil mir sehr bewusst ist, was ich für ein Glück gehabt habe auf dieser Erde, versuche ich das Maximum zu geben. In meinen Augen ist es ein Privileg, wenn Menschen unsere Casa ausgesucht haben, um hier die kostbarsten Tage des ganzen Jahres zu verbringen. Und aus diesem Grund bedienen wir unsere Gäste nicht einfach, wir ehren sie vielmehr.Mit den Jahren habe ich verstanden, dass die Gäste anders mit der Zeit umgehen als wir. Ihre Zeit ist von Ruhe geprägt, von Gleichmäßigkeit, vom Rhythmus der Ferien. Jedenfalls stelle ich mir das gerne so vor. Die Zeit des Gastes ist eine Zeit des Entspanntseins, des Vergnügens, des Erfahrens, weit weg vom üblichen Alltag. Die Zeit des Gastgebers dagegen steckt voller Termine und Verpflichtungen, wird von Organisatorischem getaktet, vom großen Ziel, dem Gast eine gute Zeit zu bereiten. Und das ist vielleicht der schwierigste Part unseres Berufs: So zu arbeiten, dass sich unsere kleine Welt harmonisch und ohne Geruckel dreht. Dass ein echtes Gleichgewicht herrscht zwischen Gast und Gastgeber.

Und das ist vielleicht der schwierigste Part unseres Berufs: So zu arbeiten, dass sich unsere kleine Welt harmonisch und ohne Geruckel dreht. Dass ein echtes Gleichgewicht herrscht zwischen Gast und Gastgeber.

Zwischen Gästen, Mitarbeitern, Lieferanten. Gäste zu haben bedeutet, offen zu sein für den anderen und sein Wohlbefinden. Ich muss verstehen, was er sich wünscht und was er gerne mag. Das gilt sowohl für den Gast, der nach Monaten harter Arbeit müde an der Hoteltür ankommt, um sich ein paar Tage wohlverdienter Erholung zu gönnen. Und es gilt für den Mitarbeiter mit der Mutter in Sardinien, die er erst nach Monaten wiedersehen wird und dem eine brüderliche Umarmung guttut. Es gilt auch für den DHL-Fahrer, der in sehr wenig Zeit sehr viele Pakete ausliefern muss und dem dafür wenigstens ein freundlicher Gruß gebührt.


Ich liebe meine Arbeit so sehr, dass mich fast schon mit Begeisterung der unvermeidlichen kleinen Probleme des Alltags annehme, während die großen Entscheidungen eine Art Lebenssaft für mich darstellen. Ich fühle mich wie eine alte Lärche, die sich im Sturm biegt und die jeder sanfte Windhauch leicht zum Erzittern bringt. Die Lärche zerbricht nicht nur, sie tanzt ohne Unterlass. Der Wind belebt sie; ohne ihn wäre sie nichts als hilflose Materie.
Wie oft muss ich von Gästen, Kollegen, Mitbürgern Kritik einstecken für Überzeugungen, die inkonsequent erscheinen mögen. Ein Beispiel dafür ist unser Wunsch, den Autoverkehr auf den Dolomitenpässen einzudämmen. Denn meistens halten wir nur die für gute Gesprächspartner, die unsere Meinungen teilen! Aber da zucke ich dann die Achseln und mache weiter.
Wie oft schwimmt man gegen den Strom, wenn man laut ausspricht, dass wir eine Verpflichtung haben, den Schwachen zu helfen. Denen, die von weit her kommen. Ich spüre, dass uns der Solidaritätsgeist stärker macht, und wo zwei essen können, werden auch vier satt. Ich habe auch gelernt, dass man keine leeren Slogans braucht, wenn man gute und sinnvolle Dinge macht und wenn man diese Dinge auch gut hinbekommt.
Noch vor wenigen Jahren war es so, dass ich mich ganz kribbelig im Bauch fühlte, wenn auf dem Weg Schwierigkeiten auftauchten. Inzwischen ist es umgekehrt: Schwierigkeiten geben mir Energie. Unter Druck mobilisiere ich Kräfte, die ich früher nicht kannte. Ich spüre die volle Verantwortung einer ökonomischen Welt, die völlig aus dem Tritt geraten ist. In der ich persönlich zwar ein sehr gutes Leben führe. Aber ich würde ein noch viel besseres Leben führen, wenn es mehr Menschen gut ginge. Daher freue ich mich sehr über den Plan des Papstes, eine Synode über die Wirtschaft abzuhalten!

Es muss ein gemeinsames Ziel werden, eine Situation zu kippen, die uns normal erscheint, die aber nicht normal ist. Wer heute produziert, verdient wenig. Wer konsumiert, gibt viel aus. Und dann gibt es ein paar, die wenig ausgeben und viel verdienen.

Es hängt alles miteinander zusammen: Wir müssen die Artenvielfalt schützen, müssen bewusster konsumieren und müssen erziehen – selbst den Gast, der dafür bezahlt, sorglose Ferien verbringen zu dürfen. Als gäbe es nicht schon genügend hohe Mauern um uns herum, werden auch immer noch höhere gebaut. Dafür fehlen die Brücken. Dabei gibt es schon Brücken; wir müssen uns nur jeden Tag dafür einsetzen, sie zu renovieren – sie schöner und stabiler zu machen.
Das muss unser Ziel sein: Nicht nur versuchen, alles besser zu machen, sondern auch im Kleinen gute und richtige Dinge zu tun. Denn nur das macht den Menschen letztlich glücklich. Und es ist die einzige, wahre Aufgabe, mit der wir zur Weiterentwicklung der menschlichen Art beitragen können. Dinge tun, die auf den ersten Blick oft unsichtbar bleiben, aber die wir spüren können. So mache ich das jedenfalls. Zucke die Achseln, lächle und gehe weiter meinen Weg.

michil costa