This is not a cliché.

Die Geschichten von August

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Samstag
01 August 2020

Man muss träumen können

Als ich ein kleiner Bub war, erzählte mir Tante Marianne immer eine ganz schreckliche Geschichte. Es ging um einen Mörder, der langsam die Treppen im Haus eines jungen Mädchens hochsteigt und dabei mit fürchterlichen Sätzen sein Näherkommen ankündigt und wie er das Mädchen umbringen würde. Die Tante sparte nicht an furchterregenden Details.

Stunden über Stunden verbrachte ich zusammen mit meinen Cousins damit, diese Geschichte wieder- und wiederzuhören. Es war stets dieselbe Geschichte, und doch war sie jedes Mal ein bisschen anders. Meine Fantasie lief auf Hochtouren, ich sah Blut strömen, Hautfetzen, die sich lösten und stellte mir den entsetzlich verstümmelten Körper von Katiuscia vor, dem bedauernswerten Opfer. Im Laufe der Zeit erfand ich die Geschichte für mich neu und es gelang mir schließlich immer, ein Ende zu finden, das mich zufriedenstellte. Ich hatte nichts dagegen, wenn dem Mörder gelegentlich das Haupt gespaltet wurde, aber oft stellte ich mir für die Geschichte ein Happy End vor.

Und bis heute verliere ich mich in meinen Träumen und Vorstellungen, wenn ich etwa im Wald spazieren gehe: Ich sehe Kobolde, die aus dem Nichts auftauchen und sich dann rasch hinter einer dicken Zirbe verstecken. Oder ich stelle mir den Steinmarder vor, dem ich vor ein paar Tagen im Wald oberhalb von Bagno Vignoni begegnet bin und der nur wenige Meter vor mir stehenblieb und mich ansah. Und ich mir dachte: „Gleich spricht er mit mir“. Ich höre gern die phantastischen Geschichten des italienischen Cantautore Rino Gaetano, der in seinen Liedern so hervorragend Wirklichkeit und Fantasie miteinander vermischt und der seinen eigenen Tod in seinem Lied „La ballata di Renzo“ vorhersah.
Ich tauche gerne tief in die Gedichte des Dada-Künstlers Kurt Schwitters ein oder in den Surrealismus des italienischen Schriftstellers Italo Calvino, der in „Der Baron in den Bäumen“ die Geschichte von Cosimo Piovasco di Rondò erzählt: Dieser Baron beschloss, um sich der unheilvollen Welt zu entziehen, auf einen Baum zu klettern und nie wieder herunterzukommen. Dort oben verliebt er sich in Viola und begeistert sich für diese Welt aus endlosen Baumkronen, Blättern, Ästen und Stämmen. Und als er dann alt und gebeutelt ist, beschließt er, dass er für ewig glücklich werde könne, wenn er sich an den Fesselballon klammert und mit ihm in den Himmel verschwindet.

Aber auch Dino Buzzati, der uns von den Dolomiten erzählt, oder die Lyrikerin Alda Merini, die ihre Gedichte zwischen Himmel und Erde ansiedelt, lassen mich in andere Welten reisen. Zurzeit fehlen mir die Ausstellungen, die Konzerte und Theaterbesuche. Ich suche Zuflucht in den Büchern, doch das reicht nicht. Es ist, als wäre in meinem Kopf eine Mauer, eine Schranke, eine heruntergelassene Jalousie. Meine Fantasiegeschichten erzähle ich mir weiterhin, wenn ich in den Bergen wandere oder eine alte Lärche umarme,

und doch ist mir klar, dass der Mensch Beziehung ist, und das Einsiedlerdasein ist (noch) nichts für mich.

Diese ganze lange Einleitung habe ich geschrieben, um von der Traurigkeit zu berichten, die mich erfüllt, wenn ich daran denke, dass nun eine der Fantasie-Institutionen par eccellence schließen musste: der Cirque du Soleil.

Ich bin ganz sicher: Außer Mathematikern, Virologen und Ärzten möchte ich Philosophen und Dichtern zuhören. Es ist ein Phänomen der schwierigen Zeiten: Man konzentriert sich ganz auf die Realität und denkt nicht genügend über die soziale Komponente nach. Dabei müsste – außer dem zwingenden Bedürfnis nach Gerechtigkeit – eben vor allem unsere Gesellschaft ins Zentrum aller Prioritäten jeder einzelnen Regierung rücken: die Gesellschaft und ihre Fähigkeit, zu träumen. Doch heute scheint das Träumen als Luxusbeschäftigung angesehen zu werden. Und das ist falsch. Künstler und Musiker, Dichter und Akrobaten müssen unbedingt einen Einfluss auf unsere Gesellschaft haben.

Der Mensch ist nicht nur homus economicus oder faber, sondern auch musicus und artisticus.

Die Dichter vergangener Zeiten sprachen dank göttlicher Gnade, und die Weisen gaben sich teilweise für verrückt aus, nur um gehört zu werden. Mit dem Lockdown (oder besser dem Zusperren, das klingt besser) des Zirkus, der natürlich Schwindel und Wahrheit ist, vergeht ein Stück der List des Odysseus und seiner vielfältigen und falschen Persönlichkeit; es vergeht aber auch das unerschütterliche Vertrauen des Achilles in seine eigene Kraft, wahrhaft und schlicht. Falschheit und Wahrheit, List und Ehrlichkeit sind komplexe und widersprüchliche Gegensätze. Es ist schwer, hier klare Grenzen zu ziehen. Und das ist unsere Geschichte heute:

Mit dem Cirque du Soleil, dieser perfekten Verkörperung der menschlichen Komplexität, geht auch ein Stück Menschlichkeit dahin.

Eine Menschlichkeit, die uns lebendige, menschliche und soziale Wesen stark gemacht hat.

Es würde so viel besser sein, den lärmenden Zirkus auf den Dolomitenpässen zu beenden, die inzwischen wie gezähmte Wildtiere eingesperrt sind zwischen Autorallyes und dem wüsten Röhren von Hunderten von Motorrädern. Ich träume von unseren Pässen ohne akustische Umweltverschmutzung, aber ich kann mir keine Zukunft vorstellen, in der die Kreativität keine Rolle spielt, dieses Gegengift gegen Angst und Unsicherheiten. Irgendjemand wendet jetzt sicher ein, dass das Schließen von Schulen und Kirchen ein soziales Desaster war und ein Zirkus, der für immer seine Zelte abbaut, im Grunde auch akzeptierbar ist. Und das macht mich erst recht traurig. Dass viele Menschen nicht verstehen, wie wichtig die Kunst ist – ein Gegenmittel oder wenigstens ein Vorläufer dessen, was noch geschehen kann.

Wir hier tun, was wir können. Wir versuchen, uns neu zu bilden und eine Welt der Gastfreundschaft zu erfinden, in der die Kunst von der Homepage unserer Website über die Musik bis hin zu den Dichterlesungen einen ganz entscheidenden Platz einnimmt. Unsere Zukunft kann nicht einfach der lärmende, brutale Motorradfahrer sein, der den Künstler von seinem Platz vertreibt. Nein, unsere Zukunft ist Cosimo di Piovasco, der in den Bäumen eine magische Welt gefunden hat.

Michil Costa